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Große Familie© maxim ibragimov / shutterstock.com

Familie gelingt vielfältig!

Beim Online-Forum in der Reihe „Kultur im Wandel“ setzten sich die Teilnehmenden mit dem Familienbegriff im Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit auseinander

Wie kann Familie gelingen? Und was ist Familie überhaupt? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des jüngsten Online-Forums in der Reihe „Kultur im Wandel“. In der vom Bildungs- und Tagungshaus Liborianum am 24. Juni angebotenen Veranstaltung konnten die Veranstalter als Referenten Professor Dr. Matthias Ochs begrüßen. Ochs ist Diplom-Psychologe, systemischer Familientherapeut und Professor für Psychologie und Beratung an der Hochschule Fulda.

Zwei gegensätzliche Sichtweisen

Gleich zu Beginn stellte der Psychologe zwei Zeitungsartikel vor, die sich beide mit dem Familienbegriff beschäftigten, zunächst einen Beitrag aus der taz aus dem Jahr 2010, der nichts von seiner Aktualität verloren habe so Ochs. Die Vorstellung von Familie entstehe hier weitestgehend durch die Selbstdefinition ihrer Mitglieder. Im Zentrum des Artikels stehe eine Jugendliche, die bei ihrer Mutter und deren Partner aufwachse und in der Schule diesen wie selbstverständlich als ihren Vater bezeichne.

Dem stellte Ochs eine Kritik gegenüber, die in der Rhein-Neckar-Zeitung erschienen sei und sich auf sein Buch „Familie geht auch anders. Wie Alleinerziehende, Scheidungskinder und Patchworkfamilien glücklich werden“ beziehe. Diese Kritik sei äußerst negativ gewesen. Der Verfasser habe darin den eher weit gefassten Familienbegriff bemängelt, zu dem Ochs sich bekenne. Die Behauptung des Kritikers: Alle Menschen, die nicht in der klassischen Familienform mit Vater, Mutter und zwei Kindern (am besten Junge und Mädchen) lebten, wären darüber traurig und versuchten mit dem breit gefassten Familienbegriff nur einen bestehenden Mangel zu kompensieren.

Dies seien zwei durchaus ideologische und gegensätzliche Sichtweisen auf den Familienbegriff, so Professor Dr. Ochs, und bat die Teilnehmenden des Forums um ein Statement, auf welcher Seite sie sich eher verorten würden. Die Antwort fiel relativ klar aus. Die meisten, die sich äußerten, sahen sich tendenziell eher beim ersten Artikel aus der taz: Familie sei vor allem dort, wo ihre Mitglieder in finanzieller und sozialer Hinsicht gegenseitig Verantwortung übernehmen würden und füreinander da wären. Dies könne und solle man nicht zwingend an gefestigten Rollenbildern festmachen, so ein Teilnehmer.

Historische Entwicklung eines Ideals

Deutlich wurde trotz dieser klaren Stellungnahme das in der Gesellschaft existierende Spannungsfeld zwischen der tatsächlich gelebten Familienform und einem Familienideal, auf dessen historische Entwicklung Prof. Dr. Ochs im Folgenden einging. Familie sei in der Gesellschafts- und Sozialgeschichte keinesfalls immer schon als die Kernfamilie von Vater, Mutter und mehreren Kindern verstanden worden. Im bäuerlichen Umfeld des Spätmittelalters seien Kinder schon relativ früh als ganz normale Mitglieder in die Hofgemeinschaft eingebunden gewesen. Erst im Zuge der Industrialisierung habe sich das Verständnis der Hausfrau herausgebildet, die sich um die Kinder und die emotionale Versorgung des Mannes kümmerte. Mit dem Aufstieg des Bürgertums sei es dann zu einer Idealisierung dieser privatisierten Kleinfamilie gekommen.

„Wenn man so will, wird von Teilen der Gesellschaft eine Formkontinuität der Familie über die letzten zwei Jahrtausende unterstellt“, so Professor Dr. Ochs. „Obwohl die Geschichte zeigt, dass Familie eben nicht immer gemäß dem heute noch vorherrschenden Ideal verstanden wurde.“

Zahlen zur Entwicklung von Familien in Deutschland

Die Realität sehe ebenfalls anders aus, erklärte der Psychologe und präsentierte den Teilnehmenden des Online-Forums im Folgenden einige Zahlen. 2015 wurden in Deutschland 163.335 Ehen geschieden. In 50 Prozent aller Scheidungen seien Kinder involviert. Bereits im Jahr 2007 habe es 1,6 Millionen Alleinerziehende und Eltern ohne Trauschein gegeben. 10 bis 12 Prozent davon seien Patchwork-Familien. Grund zur Sorge bestehe nach Ansicht des Professors aber nicht. Aktuelle Studien renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA zeigten, dass die seelische Gesundheit eines Kindes tendenziell nicht von einer bestimmten Familienform abhinge. Auch eine Scheidung habe Studien zur Folge keine nennenswerten negativen Auswirkungen auf die psychische Entwicklung von Kindern, so Ochs. Eine Scheidung müsse demnach kein Drama sein und könnte für alle Beteiligten im besten Fall mit einem Befreiungseffekt verbunden sein.

Wertschätzung und Respekt für unterschiedliche Lebensentwürfe

Nach dem Vortrag lud Moderatorin Indra Wanke, Leiterin der Abteilung „Pastoral in verschiedenen Lebensbereichen“ im Erzbischöflichen Generalvikariat, in die Kleingruppendiskussion ein. Familienbildung, Ehe-Familien- und Lebensberatung, Familienpastoral sowie die Arbeit des Familienbundes der Katholiken standen im Zentrum der vier Gruppen, deren Diskussionsergebnisse im Anschluss vorgestellt wurden. Einig waren sich alle darin, dass die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Familienformen gar nicht das Problem sei. Vielmehr müsse man in seiner entsprechenden Leitungsfunktion noch sensibler für die individuellen Wünsche und Bedürfnisse von Familien werden und darauf gezielt mit den entsprechenden Angeboten reagieren. Am allerwichtigsten sei es aber, eine wertschätzende Haltung gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen zu zeigen und diese zu respektieren, fand Professor Dr. Ochs ein gelungenes Schlusswort für den Abend. Das sei entscheidend für das Gelingen der Familienarbeit, gerade in der Kirche.

Reihe „Kultur im Wandel“

Die Online-Reihe „Kultur im Wandel“ möchte interessierte Menschen in den Austausch bringen und Anregungen zur Umsetzung im eigenen Umfeld bieten.

Das nächste Online-Forum findet am 2. September 2024 statt. Das Thema lautet dann: „Was wird aus unserer profanierten Kirche? Umnutzungsbeispiele für Sakralbauten“.

Die Teilnahme ist kostenfrei. Herzliche Einladung!

Ein Beitrag von:
freie Mitarbeiterin

Anna Petri

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