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© Foto: mrmohock / Shutterstock.com

Digitalisierung

Der gesellschaftliche Wandel hin zum Digitalen berührt viele unserer Lebensbereiche. Auch ins kirchliche „Kerngeschäft“ – Liturgie und Seelsorge – haben digitale Formate Einzug gehalten. Diese Veränderung birgt nicht nur technische, sondern vor allem auch völlig neue theologische Fragestellungen.

Ist ein digitaler Segen "gültig"?

Digitalisierung ist einer der großen Trends der Gegenwart. Schritt für Schritt verändert er unsere Lebens- und Arbeitswelt. Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess noch einmal stark beschleunigt: Homeoffice und Videokonferenzen sind nur zwei Beispiele für digitale Formate, die in den vergangenen Monaten für die meisten zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind.

Doch auch ins kirchliche „Kerngeschäft“ – Liturgie und Seelsorge – haben in den vergangenen Monaten digitale Formate Einzug gehalten. Viele werfen neue Fragen auf, zum Beispiel die, ob Gottesdienst-Livestreams normale öffentliche Gottesdienste ersetzen können und genauso „gültig“ sind. Der Trend zur Digitalisierung berührt damit letztlich auch zentrale Glaubensfragen.

Interview mit Frank Siemen

 

Der Leiter des Bereichs IT und Datensicherheit im Erzbischöflichen Generalvikariat spricht über Vor- und Nachteile der Digitalisierung für Gesellschaft und Kirche, die enormen Entwicklungen durch die Corona-Pandemie – und wirft einen Blick in die Zukunft einer digitaleren Kirche, die einige Chancen bereithält.

 

„Digitalisierung“ ist in aller Munde. Aber was bedeutet der Begriff, in einfachen Worten?

Frank Siemen

Am einfachsten kann man Digitalisierung als Fortschritt der Technisierung in unseren Lebenswelten definieren. Der technische Hintergrund ist einfach erklärt: Ein Computer – ein Rechner – braucht konkrete digitale Zahlen, um elektronisch zu rechnen. Daher besteht die Grundaufgabe darin, aus analogen Daten eine digitale Übersetzung zu schaffen. Prominentestes Beispiel: Die Uhr. Die Entstehung eigener Wissenschaftszweige wie die Informatik, aber auch die zunehmende Beschäftigung von Geisteswissenschaften mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft – man denke nur an Facebook & Co – zeigen gut die Tiefe und Komplexität des Themas.

Welche Vorteile hat Digitalisierung?

Frank Siemen

Digitalisierung hat enorme Vorteile bei der Bearbeitungsgeschwindigkeit wiederkehrender Prozesse, der direkten Kommunikation und der Verbreitung, etwa über Netzwerke. Außerdem ermöglicht sie große Reichweite. Die Pandemie zeigt in fast allen Bereichen – der Medizin, der Gesellschaft, der Arbeitswelt – was inzwischen möglich ist und wie weit die Digitalisierung das („Über“) Leben überhaupt möglich gemacht hat.  Voraussetzung bei vielen dieser Möglichkeiten ist natürlich die technische Verfügbarkeit – also Endgeräte wie Handys oder PC-Tablets, verbunden mit einem Netzzugang. Bei richtiger Umsetzung bietet Digitalisierung ein hohes Maß an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und gleichberechtigte Informationsmöglichkeiten.

Gibt es auch Nachteile?

Frank Siemen

Es gibt viele Aspekte bei der Digitalisierung, die als nachteilig empfunden werden. Alleine die Tatsache, dass sich gewohnte Abläufe im Rahmen der digitalen Transformation verändern, führt zu Verunsicherung bzw. einer mindestens kritischen Betrachtung des technischen Fortschritts. Hinzu kommt, dass Umstellungen wie etwa beim Onlinebanking als über Gebühren „erzwungene“ und wirtschaftlich getriebene Maßnahme „übergestülpt“ werden. Menschen, die sich mit den neuen Technologien schwer tun, fühlen sich dadurch abgehängt. Zu Beginn der Digitalisierung – wie bei vielen technisch getriebenen Themen – war man fasziniert von den Möglichkeiten und hat sich weniger um die Folgen Gedanken gemacht. Soziale Medien, smarte (Unterhaltungs-)Technik und die Dauerverfügbarkeit von medialen Inhalten haben uns dann gezeigt, wie grundlegend wichtig es ist, im Besitz der eigenen Daten zu bleiben und Informationsmöglichkeiten auch kritisch zu hinterfragen. Die Digitalisierung dringt tief in unseren Alltag ein. Wir sind diejenigen, die mit ihrem Handeln entscheiden, ob global agierende gewinnorientierte Unternehmen im Sinne der Gesellschaft handeln. Das ist und bleibt eine der größten Herausforderungen.

Wie groß ist der Sprung, den das Erzbistum im vergangenen Jahr in Sachen Digitalisierung gemacht hat – im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie?

Frank Siemen

Der Sprung war enorm und notwendig, um die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeitenden durch flächendeckendes Homeoffice zu gewährleisten. Nachdem am Anfang der Pandemie der Schwerpunkt auf der Bereitstellung von technischer Ausstattung lag, wurde im Anschluss intensiv an der Bereitstellung und Optimierung von Softwarelösungen gearbeitet: Unser Arbeitsalltag ist jetzt geprägt von Videokonferenzen. Die richtige Lösung für unser Erzbistum zu finden, war ein interdisziplinärer Prozess unter kritischer und emotionaler Beobachtung der Nutzenden. Sehr erfreulich ist, dass neue Werkzeuge wie z.B. wir.desk intensiv weiter ausgebaut werden, mit dem neuen Werkzeug „Conceptboard“ wird in der Praxis getestet, wie man Videomeetings auf ein neues, kreatives und kollaboratives Niveau heben kann. Angebote wie TeRMIn zur Termin-, Raum- und Intentionsverwaltung für Gemeinden wurden in kurzer Zeit um die Funktion zur Reservierung von Gottesdienstplätzen erweitert, die auf der eignen Webseite eingebunden werden können – auch wenn man nicht TeRMIn einsetzt.

Welche Schwerpunkte setzt das Erzbistum als nächstes in Sachen Digitalisierung?

Frank Siemen

Nach der intensiven Zeit richtet sich der Fokus nun auf die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie. Daraus ergeben sich die Schwerpunkte für konkreten nächsten Schritte.

Digitalisierung bietet große Möglichkeiten, auf die Menschen, die Gläubigen und die Suchenden zuzugehen, das Bild einer zugewandten, einfach erreichbaren Kirche Wirklichkeit werden zu lassen, damit unser Kernthema Evangelisierung glaubhaft gelingen kann. Dazu braucht es Klarheit bei den Werten, den Prioritäten und den Rahmenbedingungen.

Statement von Msgr. Dr. Michael Bredeck

„Wie digital geht Kirche?“ Dieser Frage geht Msgr. Dr. Michael Bredeck in seinem Statement nach. Nachdem sich die Gottesdienstpraxis während der Pandemie den Bedingungen angepasst hat und Heilige Messen via Zoom gefeiert wurden, sieht er eine theologische Reflexion um das Verhältnis von Sakramentalität und Digitalität als notwendig an. Erschienen ist das Statement im erzblatt Nr. 2 / 2020.

 

„Es steht eine theologische Reflexion an um das Verhältnis von Sakramentalität und Digitalität. Bisher war es doch eher undenkbar, eine Heilige Messe über ein Tool wie Zoom gemeinsam zu feiern – nun gibt es das. Erfahrung setzt Wirklichkeit. Auch digital funktionieren Partizipation und Interaktion in liturgischem Kontext. Da können Lesungen verteilt, Fürbitten gehalten, Predigten kommentiert oder sogar gemeinsam durchgeführt werden.

Und was ist mit der Realpräsenz des Herrn?

Was genau ist die geistige Kommunion, die eine Zeit lang zur einzigen Form des Kommunionempfangs fast aller Mitfeiernden daheim wurde? Wie ist das Verhältnis von Livestream und Gemeindebildung, von digitaler Partizipation und Feier des Paschamysteriums zu denken? Was jetzt monatelang empfohlen wurde, kann ja künftig nicht einfach eine Notlösung sein, wenn zugleich neue Zugänge ermöglicht wurden. Wird die Sonntagspflicht nicht nur ausgesetzt, sondern erfüllt, wenn ich die Eucharistie digital mitfeiere, wann, wo und mit wem ich es möchte, und den Leib des Herrn vielleicht im Anschluss sogar empfange?

Ich deute diese Fragen nur an, weil ich ahne, dass wir um sie im Sinne einer theologischen Positionsbestimmung nicht herumkommen, nachdem wir jetzt über Monate Praxis gesetzt haben, deren Folgen wir erst schrittweise überblicken werden.“ (Msgr. Dr. Michael Bredeck)

© Foto: SewCream / Shutterstock.com
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