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© Hans Blossey

Erzbischof Bentz: „Noch mehr Arbeit auf noch weniger Schultern werde ich nicht verantworten können“

Am „Tag des pastoralen Personals“ startete die Leitung des Erzbistums mit über 400 Seelsorgerinnen und Seelsorgern ein Gespräch über den künftigen Einsatz

Wie, wo und wofür soll das pastorale Personal künftig eingesetzt werden? Eine zentrale Frage für die Zukunft der Diözese, angesichts der einbrechenden Zahlen sowohl beim Personal selbst als auch bei den Kirchenmitgliedern. Weil diese Frage so wichtig ist, will die Leitung des Erzbistums Paderborn mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern selbst ins Gespräch kommen und startete am Donnerstag mit dem „Tag des Pastoralen Personals“ einen Konsultationsprozess. 400 Personen, Priester, Diakone sowie Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten, folgten der Einladung zur Veranstaltung in der Paderborner Paderhalle.

„Die Bistumsleitung bittet um Ihre Beratung“, sagten Barbara Hucht und Gunther Landschütz, die die Moderation der Veranstaltung übernommen hatten. „Es geht darum, durch Interaktion mit vielen Menschen zu mehr Klarheit beim Thema Personaleinsatz zu kommen.“ Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz, für den es die erste große Zusammenkunft mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern des Erzbistums war, begrüßte die Anwesenden. Mit Blick auf die Überschrift der Veranstaltung „Nicht an der Wirklichkeit vorbei geistlich sein – christlich sein – gesendet sein“ sagte er, dass der Tag dazu diene, nüchtern und ehrlich anzuschauen, was ist, ohne dabei in Trauer zu verfallen. „Ich kann Gott entdecken inmitten der Wirklichkeit und sonst nirgends“, so der Erzbischof.

Der Realitätscheck

Wie die Wirklichkeit aussieht, mit der sich sowohl das pastorale Personal als auch das gesamte Erzbistum auseinandersetzen müssen, schilderten im Anschluss Oliver Lücke, Dirk Wummel und Thomas Klöter. Oliver Lücke, Leiter des Bereichs pastorales Personal im Erzbischöflichen Generalvikariat, informierte über die bereits bekannte Prognose, dass sich die Zahl der Seelsorgenden im Erzbistum bis 2035 von aktuell 700 auf 350 halbieren wird. Als Fazit sagte er, dass sich dies nur sehr schwer in Einklang bringen lasse mit der aktuellen Struktur im Erzbistum. Es bleibe die Herausforderung, „wie wir zukünftig einen Einsatz für das pastorale Personal im Erzbistum Paderborn beschreiben, der realistisch, attraktiv und funktionierend ist“, so Lücke.

Dirk Wummel, Leiter des Bereichs Finanzen, zeigte in seinem Beitrag, dass die Kosten für das pastorale Personal in den vergangenen zehn Jahren stabil geblieben seien – insbesondere durch die Personalrückgänge. Thomas Klöter, Leiter des Bereichs Pastorale Dienste, stellte fest, dass noch zu sehr im Modus der letzten Jahrzehnte gearbeitet werde: „Die Pfarrgemeinde ist immer noch das Maß der Dinge.“ Klöter beschrieb in diesem Zusammenhang mehrere anstehende Steuerungsmaßnahmen, etwa die deutliche Stärkung des Ehrenamtes, eine Neuausrichtung im Verhältnis von territorialer und kategorialer Seelsorge sowie eine Klärung mit Blick auf die im Zielbild 2030+ angekündigten „Pastoralen Zentren“.

Theologische Vertiefung

Wie die gegenwärtige Wirklichkeit theologisch verstanden werden könne, beschrieben Professor Dr. Jan Loffeld von der Tilburg University in den Niederlanden und Professor Dr. Christoph Jacobs von der Theologischen Fakultät Paderborn. Beide gingen in ihren Vorträgen davon aus, dass die Kirche gegenwärtig mitten in einer gewaltigen Transformation stecke, auf die damit verbundenen Herausforderungen aber nur mit Optimierungen des Bestehenden reagiere. „Du musst nur besser arbeiten, dann wird es schon wieder gut“, beschrieb Professor Loffeld diese Haltung. Doch dies funktioniere nicht. Notwendig sei stattdessen ein Ausstieg aus dem Optimierungsparadigma und die Annahme des Transformationsparadigmas.

Für Professor Loffeld bedeutet dies zum Beispiel zu akzeptieren, dass nicht alle Menschen außerhalb der Institution Kirche zwingend Sinn suchend und damit doch irgendwie religiös oder gottesbedürftig seien – anders als von Kirche und Theologie lange angenommen. Er plädierte dafür, die Gottesbeziehung stattdessen als Geschenk zu verstehen und dieses Geschenk den Menschen in Form von Narrationen, also Erzählungen anzubieten. Seelsorge hätte in diesem Sinne die Aufgabe, eine Begegnung der „Big-Story Christentum“ vom Glück und Heiligwerden der Welt mit den individuellen Geschichten konkreter Menschen zu ermöglichen. Loffeld empfahl, die narrative Kompetenz von Seelsorgerinnen und Seelsorgern in Aus- und Fortbildung zu stärken.

Professor Dr. Jacobs kündigte zu Beginn seines Vortrags einen Bekehrungsimpuls an: „Wir brauchen eine Bekehrung unserer Vorstellungskraft und unserer Fantasie aus der Kraft des Heiligen Geistes“, sagte er. Das bedeute zum Beispiel, den Menschen in die Mitte der Seelsorge zu stellen. Kirche müsse ein „brennendes Interesse“ am Leben der Menschen haben, so Jacobs. Diesem Interesse müsse sich auch die Kirche als Institution unterordnen.

Konsultation der Teilnehmenden

Die Teilnehmenden am „Tag des Pastoralen Personals“ hatten dann Gelegenheit, über die gehörten Themen miteinander ins Gespräch zu kommen. Wie kann das Zusammenwirken von Haupt- und Ehrenamt zukünftig aussehen? Wozu braucht es hauptamtliches Personal, wozu nicht? Über solche und weitere Fragen tauschten sich die Priester, Diakone sowie Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten aus und hielten die Ergebnisse fest. Diese werden von Verantwortlichen im Generalvikariat für den weiteren Konsultationsprozess gesichert, ausgewertet und den Teilnehmenden nach den Sommerferien zur Verfügung gestellt.

Die Gesprächsgruppen formulierten außerdem Fragen, die im Anschluss auf einer Podiumsdiskussion mit den Generalvikaren Dr. Michael Bredeck und Prälat Thomas Dornseifer sowie den Professoren Loffeld und Jacobs besprochen wurden.

Eine Frage lautete beispielsweise, wie bisher unterrepräsentierte Gruppen, etwa jüngere Mitarbeitende oder auch Frauen mehr Relevanz erhalten können. Hier sprach sich Generalvikar Dr. Bredeck dafür aus, Entscheidungsprozesse transparenter zu machen und besser aufzuzeigen, welche Beteiligungsmöglichkeiten es gibt. „Wir werden ein Nebeneinander ganz unterschiedlicher Stile brauchen“, sagte er. „Niemand sollte einen Alleinstellungsanspruch erheben.“

Zum Ende der Veranstaltung in der Paderhalle gab Oliver Lücke, Leiter des Bereichs pastorales Personal, einen Ausblick, wie es bezüglich der Frage nach dem künftigen Einsatz des pastoralen Personals nun weitergeht. Der Konsultationsprozess gehe in den nächsten Monaten weiter, auch unter Beteiligung der zuständigen Beratungsgremien. Anfang 2025 werde es dann Empfehlungen an Erzbischof Dr. Bentz zur Konkretisierung des Einsatzplanes geben. Der Erzbischof kündigte an, auch seine Erfahrungen sowie seine Eindrücke aus den Reisen durch das Dekanat zu den Empfehlungen dazu zu legen, um eine möglichst breit fundierte Entscheidung treffen zu können.

„Wer Leitungsverantwortung wahrnehmen möchte, von dem erwarte ich die Bereitschaft und die Fähigkeit, das Gemeinsame stark zu machen, also zu sammeln statt zu zerstreuen. Das wird eine unserer wichtigsten geistlichen Kompetenzen sein.“

Erzbischof Dr. Bentz

Das Gemeinsame stark machen

Der „Tag des Pastoralen Personals“ endete mit einem Gottesdienst im Hohen Dom. In seiner Predigt stellte Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz drei geistliche Haltungen in den Mittelpunkt, die für die gegenwärtige Zeit wichtig seien. Zunächst empfahl er, die Kräfte so zu lenken, dass man annehmen könne, was einem gegeben sei. Zu den versammelten Seelsorgerinnen und Seelsorgern sagte er: „In wünsche mir, dass wir wertschätzend wahrnehmen können, was in unseren Räumen und Orten ist und auch benennen können, was nicht mehr ist“.

© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Der Spannungsbogen zwischen dem, was ist und dem, was von Gott her sein könnte, sei die zweite geistliche Haltung, die ihm wichtig sei, so Erzbischof Dr. Bentz, denn in diesem Spannungsbogen vollziehe sich das seelsorgliche Handeln. Die Haltung höre sich schön und fromm an, sei aber ein hartes Brett, das zu bohren sei, wenn es konkret werden solle: „Wie verschieden sind unsere Vorstellungen darüber, was von Gott her sein könnte, wie verschieden sind unsere inneren Bilder und Visionen, auf die hin wir wirken sollen! Die Pluralität macht uns enorm zu schaffen.“ Davon ausgehend appellierte der Erzbischof: „Wer Leitungsverantwortung wahrnehmen möchte, von dem erwarte ich die Bereitschaft und die Fähigkeit, das Gemeinsame stark zu machen, also zu sammeln statt zu zerstreuen. Das wird eine unserer wichtigsten geistlichen Kompetenzen sein.“ Gleichzeitig formulierte er eine Selbstverpflichtung: „Wie können wir als Bistumsleitung Ihnen dabei helfen und Sie darin unterstützen, damit dieses Sammeln statt Zerstreuen besser gelingt?“

Charismen aufspüren

„Sammeln statt Zerstreuen“ war die Überschrift des dritten Gedankens, den Erzbischof Dr. Bentz in seiner Predigt formulierte. Voraussetzung dafür seien die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Kooperation, so der Erzbischof. Mit Blick auf die besprochenen Themen brachte er ein plastisches Beispiel: „Noch mehr Arbeit auf noch weniger Schultern werde ich nicht verantworten können. Das gleiche tun, nur in noch größeren Räumen, auch das kann ich nicht verantworten. Das wäre, als müsste ich einen Teig immer und immer dünner ausrollen, um ein zu großes Backblech damit zu bedecken. Dann aber reißt der Teig und nichts ist gewonnen.“

In dieser Situation werde man versuchen müssen, eine Transformation in den Blick zu nehmen ohne notwendige Optimierungen aus dem Blick zu verlieren. Dreh- und Angelpunkt dafür seien die Charismen, die von Gott zum Aufbau der Gemeinde gegeben seien. Wer wirklich nach Charismen Ausschau halte, der halte Ausschau nach Menschen, nicht nach Gaben, die vielleicht gerade ins Konzept passen. „Versorgen Sie die Menschen nicht nur“, sagte Erzbischof Bentz zu den versammelten Seelsorgerinnen und Seelsorgern. „Zu Ihren Aufgaben gehört mehr denn je, Charismen aufzuspüren, aktiv nach Charismen zu suchen und sie aktiv zu fördern und zu unterstützen.“

Organisiert hatte den „Tag für das pastorale Personal“ die Fortbildung und Personalentwicklung für das pastorale Personal im Erzbischöflichen Generalvikariat.

Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi/Erzbistum Paderborn
Redaktion

Dr. Claudia Nieser

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