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Der laute Ruf nach Veränderung

Die erste Pastoralwerkstatt für die Dekanate Hagen-Witten und Unna zeigt, wie sich übergeordnete Ziele aus dem Zukunftsbild in konkrete Aktionen übersetzen lassen
© Michae Bodin / Erzbistum Paderborn
News
20. Mai 2022
Paderborn

Der laute Ruf nach Veränderung

Die erste Pastoralwerkstatt für die Dekanate Hagen-Witten und Unna zeigt, wie sich übergeordnete Ziele aus dem Zukunftsbild in konkrete Aktionen übersetzen lassen

Mit Spannung erwartet wurde die Pastoralwerkstatt für die Dekanate Hagen-Witten und Unna am 14. Mai 2022. Die Veranstaltung bildete den Auftakt einer Serie von zehn weiteren Zukunftswerkstätten in den weiteren Dekanaten, die sich bis März 2023 hinziehen wird.

Die Pastoralwerkstätten sind ein Instrument des Diözesanen Wegs. Sie sind Austauschräume, in denen sich Engagierte aus den Pastoralen Räumen, Mitarbeitende des Erzbistums und Mitglieder der Bistumsleitung auf Augenhöhe begegnen und Ideen austauschen können. Ziel ist dabei nicht, neue Strategiepapiere auszuformulieren. Vielmehr geht es darum, die übergeordneten Ziele des Zukunftsbilds in konkrete Aktionen und in die Ausgestaltung einer zeitgemäßen Pastoral zu übersetzen.

Die Teilnehmenden der ersten Pastoralwerkstatt in der Katholischen Akademie in Schwerte machten abermals deutlich, wie notwendig innerkirchliche Veränderungsprozesse sind – auf Ebene der Pastoralen Räume, aber auch auf Ebene der katholischen Kirche. Konnte das neue Format der Pastoralwerkstatt überzeugen, gar den gewünschten Zukunftsoptimismus verbreiten? Hier die Stimmen von vier Teilnehmenden.

Glaubhafter Wille zum Kulturwandel

Alfons Gruner, 58, war bis zu seinem Vorruhestand in der Führungskräfteentwicklung eines Weltkonzerns tätig. Seine vielfältigen Kenntnisse und Erfahrungen aus dem Berufsleben bringt Gruner nun in Schwerte in Projekten der Gemeinde und im Pfarrgemeinderat ehrenamtlich ein.

Zum Ehrenamt in der Kirche kam ich über die Kommunionvorbereitung meiner Kinder. Momentan bin ich in zwei Projekten tätig. Das eine ist die Friedensbank, eine Bank auf dem Friedhof. An zwei Tagen in der Woche sitzt dort jemand von unseren ehrenamtlich Engagierten und bietet den Trauernden ein Gespräch an. Das Angebot gibt es in Schwerte schon seit sieben Jahren.
Das zweite Projekt sind die Versorgungsschränke. Das Projekt läuft erst seit einem halben Jahr. An mittlerweile drei dieser Schränke im Stadtgebiet können sich armutsbetroffene Menschen mit Grundnahrungsmitteln, Trinkwasser und Hygieneartikeln eindecken. Die Spendenresonanz ist gigantisch, wir konnten so die Anschubfinanzierung der Katholischen Gemeinde immer noch in Reserve halten. Armutserfahrung ist genug mit Ausgrenzung und Scham verbunden. Daher gehört zu unserem Konzept die Anonymität. Die Schränke werden also nicht beobachtet. Bei uns können sich alle das aus dem Schrank nehmen, was sie gerade brauchen. Bisher haben wir null Probleme mit Vandalismus und auch nur ganz vereinzelt davon gehört, dass jemand die Schränke leerräumt.

Beide Projekte sind in ihrer Umsetzung überkonfessionell und interreligiös. Auf den Friedensbänken sitzen an manchen Tagen evangelisch-freikirchliche Ehrenamtliche, bei den Versorgungsschränken arbeiten Menschen muslimischen Glaubens mit. Die Projekte würden auch ohne das Label „Katholische Kirche“ funktionieren, aus reiner Humanität. Unsere Motivation kommt gleichwohl aus unserem christlichen Menschenbild. Wenn dann ein Imagegewinn auf die katholische Kirche ausstrahlt, ist das ein Kollateralnutzen.

Neue Ideen für die kirchliche Ehrenamtsarbeit konnte ich aus der Pastoralwerkstatt nicht viele mitnehmen, wohl aber Impulse für die Arbeit in Gremien. Mehr habe ich auch nicht erwartet. Beim ehrenamtlichen Engagement haben wir in Schwerte ein ordentliches Niveau erreicht. Es war ein Gewinn, dass wir unsere Projekte anderen vorstellen durften. Vielleicht passt das, was wir hier bei uns entwickelt haben, in eine andere Region.

Glaubwürdiger Auftritt der Bistumsleitung

Positiv war, dass ich in der Pastoralwerkstatt Organisationsentwicklung im Livebetrieb erleben konnte. Die Bistumsleitung hat verdeutlicht, welche Aufgaben und welche Verantwortung sie zukünftig vor Ort sieht. Auch hat sie für mich auf eine glaubwürdige Weise klargemacht, dass sie diese Entscheidung aus Überzeugung getroffen hat und nicht etwa nur getrieben von Ressourcenknappheit. Die Ehrenamtlichen konnten im Gegenzug verdeutlichen, welche Freiräume und Ressourcen sie dafür benötigen. Ich habe den Eindruck, dass ein guter Entwicklungsprozess in Gang gekommen ist.

Zudem konnten die Ehrenamtlichen gegenüber den Verantwortlichen in der Bistumsleitung verdeutlichen, welches Ausmaß der Veränderungsdruck angenommen hat. Es hilft uns gar nichts, wenn die Leute sagen: „Euer Sozialprojekt hier bei uns ist gut, eure Glaubensangebote geben den Menschen Halt. Aber die Kirche als Institution mit ihren Skandalen und ihrer mangelnden Veränderungsbereitschaft kann uns trotzdem gestohlen bleiben.“ Die Kritik der Menschen entzündet sich an der Institution. Also muss sich die Institution verändern.

Ich hoffe, dass die Bistumsleitung den Veränderungsdruck von der Basis an höhere Instanzen der Kirche weitergibt. Wenn es in Zukunft eine vitale Kirche in Westeuropa geben soll, muss sie sich den Bedürfnissen der Menschen in Westeuropa öffnen. Hauptsächlich war die Pastoralwerkstatt für mich eine Arbeitssitzung. Ich konnte aber auch etwas für meinen Glauben mitnehmen. Zum Beispiel den Leitsatz, dass man im Antlitz des Anderen Gott erkennt. Ich hätte mir gewünscht, dass viel mehr Engagierte aus unserer Gemeinde an dieser Pastoralwerkstatt teilgenommen hätten.

Da, um zu säen, nicht um zu ernten

Julia Kettler, 23, hat sich nach ihrem Studium der Religionspädagogik für den Berufseinstieg als Gemeindeassistentin in der Pfarrei St. Barbara in Bönen und Heeren entschieden und vertrat in der Pastoralwerkstatt die junge Pastoral.

Ich war positiv überrascht von der Offenheit während der Veranstaltung. Die Bistumsleitung hat eindrücklich klargemacht, dass es so nicht weitergehen kann. Dies deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich bin jung, gerade mit dem Studium fertig. Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft haben mit Religion und Kirche nichts mehr zu tun. Das ist zwar bekannt, aber es einmal aus dem Mund der Bistumsleitung zu hören, war wichtig.

Ich denke, dass Kirche den Menschen mehr zu bieten hat, als diese überhaupt von der Kirche erwarten. Nur haben wir verlernt, in der Sprache der Menschen zu sprechen. Es fehlt an der Lebensweltorientierung.

Das Arbeiten am Zielbild bestätigt mich, dass meine Ideen von Kirche von der Bistumsleitung getragen werden. Die Diskussionskultur während der Veranstaltung war so, wie ich es von der Uni gewöhnt bin, als offener Diskurs.

Alle Grundvollzüge des Glaubens in den Blick nehmen

Gut gefallen hat mir, dass in der Pastoralwerkstatt versucht wurde, mit Liturgie, Diakonie, Mission und Gemeinschaft alle vier Grundvollzüge des Glaubens in den Blick zu nehmen. In der Praxis konzentriert man sich ja je nach Aufgabengebiet oder Projekt auf einen oder zwei der Grundvollzüge. Wenn man selbst schon ein verengtes Bild von Kirche hat, wird es schwer, anderen ein Gesamtbild zu geben.

Wir müssen in Zukunft auch neu definieren, was überhaupt ein Erfolg kirchlicher Arbeit ist. Wir müssen aber aufpassen, dass wir unsere Arbeit nicht verzwecken. Erfolgsdruck macht es schwierig, offen auf die Menschen zuzugehen. In der Pastoralwerkstatt fiel der schöne Satz: Wir sind da, um zu säen, nicht um zu ernten. Das hatte etwas sehr entlastendes für mich.

Wertschätzung für Gottesbilder der Menschen

Wir müssen lernen, wertschätzend auf Gottesbilder zu reagieren, die derzeit gern aus einer theologischen Warte aus als unreif angesehen werden. Ich merke in meiner Arbeit, dass gerade die alten Menschen sich vor einem strafenden Gott fürchten. Die Kirche muss aufhören, diese Menschen zu belehren, sondern ihnen in ihrer Situation helfen. Ich arbeite fortwährend an meinem Glauben, der sich ständig entwickelt. Das müssen wir als Kirche anderen Menschen ebenfalls zugestehen.

Die Veranstaltung nahm vor allem die Pastoralen Räume in den Blick. Wir sind in Bönen und Heeren noch ein Pastoralverbund. Ich finde es eher schade, dass wir noch kein Pastoraler Raum sein können und ich daher Inhalte immer runterbrechen muss. Es wäre sicher hilfreicher, das große Ganze gleich in der zukünftig geltenden Struktur zu denken.

Nach der Veranstaltung habe ich noch öfter darüber nachgedacht, wie Jesus Christus heute auf die Menschen zugehen würde, mit welchen Menschen er über welche Dinge sprechen würde. Insofern hat diese Zukunftswerkstatt auch meinen Glauben beeinflusst. Konkret für meine Arbeit mitgenommen habe ich zwei Ideen und Anregungen. Die Friedensbank als Gesprächsangebot auf dem Friedhof hat mir sehr gefallen, das würde für unsere Kirchengemeinde passen. Dann will ich den Instagram-Account unserer Gemeinde wiederbeleben, mit einem professionelleren Auftreten und neuen Themen.

Mir war die Stimmung zu negativ

Verena Groß-Weimer, 56, ist Vorsitzende des Pfarrgemeinderats im Pastoralverbund Hagen-Nord.

Ich bin christlich engagiert, Lektorin, war durch meine fünf Kinder in die Kommunion- und Firmvorbereitung eingebunden und seit der jüngsten Wahl auch Pfarrgemeinderätin. Als solche habe ich vor nicht allzu langer Zeit eine Einführungsveranstaltung für neue Mitglieder des Pfarrgemeinderats besucht, die für mich sehr wertvoll war. Die Stimmung war gut, es ging entspannt und kreativ zu und ich konnte sehr viel für meine Praxis mitnehmen. Daher ging ich mit einer positiven Grundstimmung in die Pastoralwerkstatt in Schwerte. Für meinen Teil musste ich aber leider feststellen, dass sich meine Erwartungen nicht erfüllt haben.

Dass die Kirche in einer Krise steckt, ist sattsam bekannt. Es war auch ganz in Ordnung, dass die Bistumsleitung dies so sieht und dazu steht. Nur ging mit dem Wiederkäuen bekannter Dinge gleich am Anfang der Tagung die Stimmung nach unten – nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Teilnehmenden, die das in der Feedbackrunde als Kritikpunkt ansprachen.

Rückkehr zur Normalität?

Interessant für mich: Obwohl die Bistumsleitung anfangs sehr umfangreich über die Krise der Kirche berichtete, bemerkte ich bei einigen Teilnehmenden die Tendenz, dass sie sich einen vergangenen Zustand der Kirche zurückwünschten. Oft hieß es: Wenn Corona erst vorbei ist, wird alles wieder gut, im Gemeindeleben und überhaupt in der Kirche. Nein, wird es nicht. Man kommt nicht mit den Mitteln aus einer Krise heraus, die uns in die Krise hineingebracht haben.

Bei der Frauenfrage, also welche Rolle Frauen zukünftig in der Kirche einnehmen können, machten vor allem die Frauen aus dem hauptamtlichen Bereich der Kirche harsche Vorhaltungen und zeigten, zumindest nach meinem Empfinden, wenig Kompromissbereitschaft.

Waffelmittwoch und Suppensamstag

Am einfachsten war eine Positionierung der Kirche in der Diakonie und in Sozialprojekten zu finden. Zugespitzt gesagt: Der Waffelmittwoch und der Suppensamstag sind gute und wirkungsvolle und notwendige Projekte, die bei den Menschen gut ankommen. Ich will das gar nicht abtun. Wir machen das ja auch bei uns in der Gemeinde. Aber wo bleibt der Glaube? Wo bleibt das Spirituelle, das Religiöse? Diese Frage hat mir die Pastoralwerkstatt nicht in dem Maß beantwortet, wie ich mir das gewünscht hätte.

Auch wenn bei mir die Kritik überwiegt, habe ich doch auch einen positiven Aspekt mitnehmen können. Es gibt viele Menschen, die ein Interesse daran haben, an der Zukunft der Kirche mitzuarbeiten.

Die Politik der kleinen Schritte ist nicht genug

Christian Peters, 49, ist Dekanatsreferent für Jugend und Familie im Dekanat Hagen-Witten. Bei der Pastoralwerkstatt wirkte er im Organisationsteam mit und gab darüber hinaus Einblick in die katholische Jugendarbeit in Hagen.

Zu der Veranstaltung kamen Menschen, die den Wandel in der Pastoral und in der Kirche befürworten, und eben nicht die strukturkonservativen Christen. Daher freue ich mich einerseits über den Optimismus während der Pastoralwerkstatt. Ich sehe andererseits auch, dass noch viele Widerstände überwunden werden müssen. Die Bistumsleitung hat sich klar auf die Seite der Menschen mit Veränderungswillen gestellt und sich für einen grundlegenden Wandel in der Pastoral ausgesprochen.

Jung trifft alt – und die Kirche stellt die Plattform

In Hagen haben wir interessante Projekte. Zum Beispiel unseren Sommergarten im Pfarrgarten von St. Michael. Da gibt es kulturelle Angebote, Vorträge, Konzerte und gutes Essen zum Selbstkostenpreis. Bei einer Veranstaltung im Sommergarten haben wir jungen Aktivisten, die sich gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen, eine Bühne geboten. Der Witz dabei war: Im Publikum saßen ältere Leute, die den Jungen etwas übers Einwecken erzählt haben. Das bringt man thematisch nicht sofort mit Kirche zusammen und das muss auch nicht mit Schöpfungsverantwortung aufgeladen und überfrachtet werden. Aber wir zeigen, dass Kirche relevante Themen besetzt. Auf diese Weise kommt bei einem Teil der Menschen auch die Botschaft an, dass unsere Werte, unsere Haltungen und unsere Glaubensinhalte relevant sind.

Bei der Pastoralwerkstatt am 14. Mai hat mir die Kritikfähigkeit unter den Teilnehmenden imponiert. Eine Gemeinde, die von außen betrachtet in der Familienpastoral bereits gute Arbeit leistet, will nun das gesamte Konzept dank neuer Erkenntnisse überdenken und anders aufsetzen.

Wir erleben es jetzt schon, dass es das eine kirchliche Angebot, das alle Menschen erreicht und alle überzeugt, nicht mehr gibt. In Zukunft wird sich die Gesellschaft noch stärker diversifizieren. Das bedeutet: Wenn die Kirche die Menschen zukünftig erreichen möchte, muss sie in der Pastoral noch stärker ausdifferenzierte Angebote unterbreiten. In einer Stadt wie Hagen tun wir uns dabei leichter als die Gemeinden im ländlichen Raum, denn in Hagen sind die Wege kürzer. Die ländlich geprägten Pastoralen Räume sind nicht zu beneiden.

Auch müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Menschen kirchliche Angebote zukünftig noch stärker unter Nutzenaspekten auswählen werden. Menschen gehen in den Gottesdienst, der sie persönlich in ihrer Spiritualität weiterbringt. Kinder und Jugendliche besuchen das Freizeitangebot, in dem sie ihre Freunde treffen. Das müssen wir als Kirche mit unserem Verkündigungsauftrag zusammenbringen. Auch hier haben wir viele wichtige kleine Schritte vor uns, die in Summe aber bei weitem noch nicht ausreichen. Darüber hinaus brauchen wir auch hier die tiefe, grundlegende und strukturelle Veränderung.

 
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