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© Doidam 10 / Shutterstock.com
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Wenn Gedenken die Gesellschaft zusammenhält

Blog-Beitrag von Weihbischof Josef Holtkotte

Am 8. Mai begehen wir nicht nur in unserem Land einen zentralen Gedenktag: Der 8. Mai 1945 markierte den Aufbruch in eine neue demokratische Gesellschaftsordnung nach Jahren des Krieges und einer menschenverachtenden Diktatur – Neubeginn und Hoffnung nach einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt und der Glaube an die Mitmenschlichkeit systematisch ausgehöhlt worden waren.

Wo stehen wir heute, 81 Jahre nach Kriegsende? Wir leben noch immer in einer freiheitlichen Demokratie – Gott sei Dank! Und dennoch: Hass und Hetze werden wieder lauter – nicht überall und auch nicht immer rechtsextremistisch geprägt, aber vernehmlich und besorgniserregend. Die Würde des Menschen ist nach christlicher Überzeugung und nach deutschem Grundgesetz unantastbar. Aber wie sieht die gesellschaftliche Wirklichkeit aus – bei uns in Deutschland und Europa, aber auch in globalen Kontexten? Ist die Würde des Menschen tatsächlich eine Kategorie mit unangreifbarer Geltung?

Arbeit stiftet Würde

Unsere Gesellschaft ist in hohem Maße fragmentiert. Leicht kann der Eindruck entstehen, dass jede und jeder sich selbst der oder die Nächste ist, ohne Blick auf den Mitmenschen oder das große gesellschaftliche Ganze. Um einen konstruktiven Umgang mit diesem Phänomen zu finden, können in meinen Augen auch Gedenktage wie der 8. Mai helfen. Gedenktage gibt es im Mai noch einige weitere. Sie erinnern uns daran, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhalten kann: die Achtung der Würde des Mitmenschen, die Sorge füreinander, Nächstenliebe und Toleranz. Eine Auswahl dieser Gedenktage, die oft nur beiläufig wahrgenommen werden, möchte ich an dieser Stelle betrachten. Denn ein genaues Hinsehen lohnt sich.

Am 1. Mai begehen wir Jahr für Jahr den Tag der Arbeit. Dieses Ereignis, oft verengt verstanden als „Kampftag der Arbeiterklasse“, kann uns in meinen Augen viel mehr sagen: Arbeit gibt nicht nur soziale Sicherheit – Arbeit stiftet Sinn und Würde. Sie ist Teil des Lebens. Jeder Mensch besitzt nach christlicher Überzeugung eine von Gott verliehene Würde. Durch eigene Arbeit etwas zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen, bekräftigt diese Würde und ist ein wichtiges Mittel, um Selbstwirksamkeit als Mitglied der Gesellschaft zu erfahren. Dies muss die Grundlage sein, um seitens der Politik gerechte Bedingungen für Erwerbstätigkeit zu gestalten.

Gott neigt sich zum Menschen

Was hierzulande selbstverständlich erscheint, ist es in anderen Ländern dieser Welt keineswegs: die Freiheit der Presse. Daran mahnt am 3. Mai jedes Jahr der Welttag der Pressefreiheit. Medien gelten bei uns als „vierte Gewalt“ im Staat. Mediale Bilder können „mächtig“ sein – sicherlich im Positiven wie im Negativen. Aber bei aller möglichen Kritik: Wie würde unsere gesellschaftliche Verfasstheit aussehen ohne eine freie Presse, die Information und Meinungsbildung als Grundpfeiler unserer Demokratie ermöglicht?

Wenn es um gesellschaftliche Fundamente geht, sind mir zwei Gedenktage im Mai besonders wichtig: Am 12. Mai steht der Internationale Tag der Pflegenden im Kalender und drei Tage später, am 15. Mai, der Internationale Tag der Familie. Pflegende haben während der Corona-Pandemie viel Applaus bekommen. Diesen Applaus, aber viel mehr noch politische Unterstützung verdienen Pflegende ohne jedes Wenn und Aber! Denn Menschen in der Pflege zeigen den Schwachen und Kranken: „Du bist wertvoll und von Gott geliebt – auch wenn deine Kräfte nachlassen“. Das ist ein regelrechtes Statement in unserer Leistungsgesellschaft, in der Schwächere schnell übersehen und abgehängt werden. Durch Menschen, die ihre Mitmenschen und Angehörigen in Einrichtungen und zuhause pflegen, neigt sich Gott mit seiner Liebe den Menschen zu und richtet sie dadurch in ihrer Schwachheit auf.

In Familien wächst gesellschaftliche Gestaltungkraft

In Familien sät Gott seine Liebe aus, damit sie dort wachsen kann. Als Keimzellen der Gemeinschaft sind Familien die kleinsten Einheiten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Deshalb gilt es, Familien zu stärken. In der Familie bildet sich die Gestaltungskraft für unser aller Zusammenleben. Wer Zusammenhalt, Liebe, Toleranz, Respekt und Dialog in einer Familie erlebt, kann diese Erfahrung in die Gesellschaft hineintragen. So wächst im Kleinen, was sich im Großen entfalten kann.

Unsere Gesellschaft wird fragmentierter – ja. Aber ich bin überzeugt: Wenn wir Dialogbereitschaft im Umgang miteinander wagen, dann wird Pluralität zum gesellschaftlichen Gewinn. Und genau das ist auch ein guter Grund zum Feiern: am 21. Mai beim Welttag der kulturellen Vielfalt.

Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir beständig nach dem suchen, was unsere Gesellschaft zusammenhält: nach Dialog statt nach Polarisierung, nach Nächstenliebe statt nach Ignoranz, nach Respekt statt nach Vorurteilen. Gedenktage, die uns das vor Augen führen, haben wir dazu einige – auch im Marienmonat Mai.

 

Ihr
Weihbischof Josef Holtkotte

„Die Würde des Menschen ist nach christlicher Überzeugung und nach deutschem Grundgesetz unantastbar. Aber wie sieht die gesellschaftliche Wirklichkeit aus – bei uns in Deutschland und Europa, aber auch in globalen Kontexten? Ist die Würde des Menschen tatsächlich eine Kategorie mit unangreifbarer Geltung? […]

Unsere Gesellschaft ist in hohem Maße fragmentiert. Leicht kann der Eindruck entstehen, dass jede und jeder sich selbst der oder die Nächste ist, ohne Blick auf den Mitmenschen oder das große gesellschaftliche Ganze.

Um einen konstruktiven Umgang mit diesem Phänomen zu finden, können in meinen Augen auch Gedenktage wie der 8. Mai helfen. Gedenktage gibt es im Mai noch einige weitere. Sie erinnern uns daran, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhalten kann: die Achtung der Würde des Mitmenschen, die Sorge füreinander, Nächstenliebe und Toleranz.“

Weihbischof Josef Holtkotte

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