Am 8. Mai begehen wir nicht nur in unserem Land einen zentralen Gedenktag: Der 8. Mai 1945 markierte den Aufbruch in eine neue demokratische Gesellschaftsordnung nach Jahren des Krieges und einer menschenverachtenden Diktatur – Neubeginn und Hoffnung nach einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt und der Glaube an die Mitmenschlichkeit systematisch ausgehöhlt worden waren.
Wo stehen wir heute, 81 Jahre nach Kriegsende? Wir leben noch immer in einer freiheitlichen Demokratie – Gott sei Dank! Und dennoch: Hass und Hetze werden wieder lauter – nicht überall und auch nicht immer rechtsextremistisch geprägt, aber vernehmlich und besorgniserregend. Die Würde des Menschen ist nach christlicher Überzeugung und nach deutschem Grundgesetz unantastbar. Aber wie sieht die gesellschaftliche Wirklichkeit aus – bei uns in Deutschland und Europa, aber auch in globalen Kontexten? Ist die Würde des Menschen tatsächlich eine Kategorie mit unangreifbarer Geltung?
Arbeit stiftet Würde
Unsere Gesellschaft ist in hohem Maße fragmentiert. Leicht kann der Eindruck entstehen, dass jede und jeder sich selbst der oder die Nächste ist, ohne Blick auf den Mitmenschen oder das große gesellschaftliche Ganze. Um einen konstruktiven Umgang mit diesem Phänomen zu finden, können in meinen Augen auch Gedenktage wie der 8. Mai helfen. Gedenktage gibt es im Mai noch einige weitere. Sie erinnern uns daran, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhalten kann: die Achtung der Würde des Mitmenschen, die Sorge füreinander, Nächstenliebe und Toleranz. Eine Auswahl dieser Gedenktage, die oft nur beiläufig wahrgenommen werden, möchte ich an dieser Stelle betrachten. Denn ein genaues Hinsehen lohnt sich.
Am 1. Mai begehen wir Jahr für Jahr den Tag der Arbeit. Dieses Ereignis, oft verengt verstanden als „Kampftag der Arbeiterklasse“, kann uns in meinen Augen viel mehr sagen: Arbeit gibt nicht nur soziale Sicherheit – Arbeit stiftet Sinn und Würde. Sie ist Teil des Lebens. Jeder Mensch besitzt nach christlicher Überzeugung eine von Gott verliehene Würde. Durch eigene Arbeit etwas zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen, bekräftigt diese Würde und ist ein wichtiges Mittel, um Selbstwirksamkeit als Mitglied der Gesellschaft zu erfahren. Dies muss die Grundlage sein, um seitens der Politik gerechte Bedingungen für Erwerbstätigkeit zu gestalten.