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© Hans Blossey / luftbild-blossey.de
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Was wird aus unserer Pfarrei?

Generalvikar Dr. Michael Bredeck im Interview über die viel diskutierten Themen im Bistumsprozess

Perspektivisch sollen die 21 künftigen Seelsorgeräume im Erzbistum Paderborn im Regelfall aus einer Pfarrei bestehen. Diese Entscheidung löst Fragen, Sorgen und auch deutlichen Widerspruch aus. Was wird aus den bisherigen Pfarreien? Bleibt kirchliches Leben im ländlichen Raum lebendig? Werden Ehrenamtliche künftig noch gebraucht? Und wie kann ein größerer rechtlicher Rahmen mehr Freiraum für das Evangelium eröffnen? Generalvikar Dr. Michael Bredeck erklärt im Interview, warum das Erzbistum diesen Weg geht.

Redaktion

Herr Generalvikar Dr. Bredeck, die Ankündigung, dass die Seelsorgeräume im Regelfall aus einer Pfarrei bestehen sollen, sorgt für Unverständnis, Enttäuschung und Wut. Verstehen Sie diese Reaktionen?

Generalvikar Dr. Bredeck

Ja, ich verstehe diese Reaktionen. Für viele Menschen ist die Pfarrei nicht zuerst eine kirchenrechtliche Einheit. Sie wird mit Heimat verbunden. Sie ist der Ort, an dem Menschen getauft wurden, Erstkommunion gefeiert haben, geheiratet haben, Abschied genommen haben. Es ist der Ort, an dem viele Menschen Verantwortung übernommen haben: im Kirchenvorstand, im Pfarrgemeinderat, in der Messdienerarbeit, in der Kirchenmusik, in der Caritas, beim Pfarrfest, im Besuchsdienst, bei der Pflege von Gebäuden oder auf dem Friedhof.

Wenn dann gesagt wird: Diese Pfarrei wird es künftig so nicht mehr geben, dann ist das nicht nur eine Nachricht, die die Verwaltung berührt. Das berührt Erinnerungen, Identität, Verantwortung und gewachsene Beziehungen. Deshalb können die Sorgen, die hier entstehen, nicht einfach rational wegerklärt werden und müssen ernst genommen werden. Zugleich müssen wir als Bistumsleitung ehrlich sagen, vor welcher Realität wir stehen. Wir werden weniger Katholikinnen und Katholiken sein. Wir werden weniger pastorales Personal haben. Auch die finanziellen und administrativen Ressourcen werden zum Teil deutlich sinken. Was das ehrenamtliche Engagement in der Vermögensverwaltung angeht, sehen wir ebenfalls eine große demographische Herausforderung. Wenn wir auf Basis dieser Einsichten jetzt nicht gestalten, wird es zukünftig erheblich ungesteuerter und vermutlich an vielen Stellen schmerzhafter zugehen als mit neuen, wenngleich einschneidenden Strukturen unserer Pfarreien. Uns geht es jetzt darum, Strukturen zu schaffen, die auch in fünfzehn Jahren tragen können.

Redaktion

Und das geht wirklich nur mit einer Pfarrei?

Generalvikar Dr. Bredeck

An vielen Orten im Erzbistum haben in den letzten Jahren schon Fusionen stattgefunden, das war in der Regel der Initiative vor Ort zu verdanken. Die teilweise sehr kleinteilige Pfarreienstruktur in unserem Erzbistum wird nach meiner Einschätzung an manchen Orten noch ein paar Jahre tragen, aber an vielen anderen wird sie in absehbarer Zeit kollabieren. In der Bistumsleitung haben wir uns deshalb die Frage gestellt: Welche Struktur können wir wirklich langfristig verantworten? Eine Pfarrei ist nicht nur ein Name auf dem Papier. Jede Pfarrei braucht eine Art ‚Grundausstattung‘: Kirchenvorstand, pastorale Gremien, Haushalt, Mitarbeitende in der Verwaltung, rechtliche Verantwortung, Vermögensverwaltung, Sitzungen, Beschlüsse, Mandate und Menschen, die bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen. Wir erleben schon heute, dass es vielerorts schwerer wird, Gremien zu besetzen. Zugleich steigen die Anforderungen an Verwaltung, Rechtssicherheit, Immobilienfragen, Arbeitsschutz, Datenschutz, Finanzen und Personal ständig. Wir können diese Infrastruktur nicht in der Weise parallel vorhalten wie bislang. Das können wir einfach nicht seriös versprechen. Die künftige Pfarrei ist daher nicht einfach die heutige Pfarrei in groß. Sie ist vor allem ein gemeinsamer strategischer, rechtlicher und organisatorischer Rahmen. Das kirchliche Leben soll weiterhin vielfältig vor Ort stattfinden, wir sprechen dann von Gemeinden, Kirchorten oder verlässlichen Orten.

Redaktion

Viele hören aber: Eine Pfarrei pro Seelsorgeraum heißt, dass unsere Gemeinde verschwindet. Was sagen Sie dazu?

Generalvikar Dr. Bredeck

Diese Gleichsetzung von Pfarrei und Gemeinde ist falsch und wird in der Pastoraltheologie, aber auch seit Jahren auf vielen Veranstaltungen in unserem Erzbistum aus gutem Grund hinterfragt. Ich werbe wirklich aus Überzeugung dafür, zu unterscheiden zwischen der rechtlichen und administrativen Form einerseits und dem kirchlichen Leben andererseits. Die rechtliche Selbstständigkeit einer bisherigen Pfarrei wird sich perspektivisch verändern, das ist wahr. Aber daraus muss überhaupt nicht folgen, dass kirchliches Leben vor Ort verschwindet. Eine künftige Pfarrei im Seelsorgeraum lässt sich nicht als eine große Zentrale denken, die alles an sich zieht. Sie braucht vielmehr einen gemeinsamen Rahmen und darin viele lebendige Orte. An diesen Orten wird weiterhin gebetet, gefeiert, geholfen, begleitet, getrauert, gesucht, geglaubt und Verantwortung übernommen. Darum wird es viele lokale und thematische Verantwortungsstrukturen in den künftigen Pfarreien geben. Und darum werden diese auch mit ordentlichen finanziellen Handlungsmöglichkeiten ausgestattet. Auf der Ortsebene werden lokale Gemeindeteams Verantwortung übernehmen. Auf der thematischen Ebene können Teams wichtige pastorale Felder gestalten: Familienpastoral, Jugend, Liturgie, Kirchenmusik, Caritas, Glaubenskommunikation oder andere Schwerpunkte. Mit diesen Strukturen möchten wir das fördern, was vor Ort lebendig ist, in einer Gesamtpfarrei, die auch künftig tragfähig bleibt.

Die Kirche Jesu Christi braucht ganz viele Engagierte, die vor Ort Verantwortung übernehmen, weil sie ihren Ort kennen.

Generalvikar Dr. Michael Bredeck
Redaktion

Ehrenamtliche sagen: Wir haben über Jahrzehnte getragen, gepflegt, organisiert und Verantwortung übernommen. Jetzt werden wir aus dem Dienst gedrängt. Wie reagieren Sie darauf?

Generalvikar Dr. Bredeck

Ich finde es traurig, dass dieser Eindruck entsteht und uns ist es anscheinend noch nicht gut genug gelungen, diese Angst zu nehmen. Ich bin sehr dafür, dass ein anderes Bild der Kirche leitend wird. Denn die Kirche Jesu Christi braucht ganz viele Engagierte, die vor Ort Verantwortung übernehmen, weil sie ihren Ort kennen. Weil sie wissen, welche Menschen einsam sind. Weil sie sehen, welches Angebot trägt. Weil sie wissen, welche Kirche, welches Pfarrheim, welche Initiative für das Dorf oder den Stadtteil Bedeutung hat. Weil sie Glauben nicht abstrakt leben, sondern konkret. Aber ich will auch ehrlich sein: Verantwortung wird künftig anders beschrieben sein als bisher. Nicht jedes heutige Amt wird in derselben Form weiterbestehen. Nicht jedes Gremium wird so bleiben, wie es heute ist. Das kann enttäuschen und verletzen. Dafür habe ich Verständnis. Die bisherigen Möglichkeiten, sich zu engagieren, sollen aber größtenteils auch in der neuen Struktur bestehen. Menschen können sich weiter lokal oder thematisch einbringen. Nicht jede und jeder muss aber künftig gleich Verantwortung für eine ganze Kirchengemeinde übernehmen. Manche werden sagen: Ich engagiere mich für diesen Kirchort, für meine Gemeinde wie bisher. Andere: Ich engagiere mich für junge Familien. Andere: Ich will mich um Musik, Caritas, Trauerpastoral, digitale Glaubenskommunikation oder einen verlässlichen Ort kümmern. Und gerade diese Vielfalt an Engagement ist wunderbar und muss gefördert werden.

Redaktion

Viele fürchten, dass sie am Ende nur noch ausführen dürfen, was in der Zentrale entschieden wurde. Was halten Sie dagegen?

 

Generalvikar Dr. Bredeck

Diese Sorge ist berechtigt, wenn wir nicht konkrete Rahmenbedingungen mitdenken, die gesetzt werden. Verantwortung ohne Handlungsmöglichkeit führt zu Frust. Deshalb reicht es nicht, von Beteiligung zu sprechen. Es braucht klare Mandate. Lokale Gemeindeteams sollen durch den Rat der Pfarrei beauftragt werden. Für finanzielle Fragen und praktische Aufgaben wird es Mandatierungen durch den Kirchenvorstand geben: sei es über die Bildung von Ausschüssen, sei es durch Bevollmächtigungen. So können pastorale Verantwortung und finanzielle Handlungsmöglichkeiten zusammenkommen. Das Subsidiaritätsprinzip ist dabei entscheidend. Was vor Ort sinnvoll beraten, entschieden und verantwortet werden kann, soll auch möglichst vor Ort geschehen. Was den gesamten Seelsorgeraum betrifft oder was rechtlich oder wirtschaftlich von grundlegender Bedeutung ist, gehört auf die strategische Ebene. Das alles ist keine Nebensache. Vielmehr wird sich daran messen lassen, ob die neue Struktur glaubwürdig ist.

Redaktion

Viele Kirchenvorstände sorgen sich besonders um Rücklagen, Grundstücke und Vermögen. Wird das alles in einen großen Topf überführt?

Generalvikar Dr. Bredeck

Ich verstehe diese Sorge sehr gut. Dahinter steckt in den meisten Fällen ein langes bewährtes Verantwortungsbewusstsein für die Kirche im Ort. Menschen haben über Jahrzehnte gespendet, gestiftet, gepflegt, gespart und mitgearbeitet. Sie wollen wissen, ob das, was vor Ort gewachsen ist, auch künftig dem kirchlichen Leben dient. Deshalb ist klar: Zweckgebundene Mittel bleiben zweckgebunden. Was durch Dritte für einen bestimmten Zweck zugewendet wurde, kann nicht einfach beliebig verwendet werden. Selbständige Rechtsträger wie Stiftungen, Fabrikfonds oder Stellenvermögen bleiben mit ihrer Zweckbindung erhalten. Bei freien Mitteln wird es im Zuge späterer Fusionen einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen geben. Und auch hierfür ist weiterhin ein gewählter Kirchenvorstand verantwortlich. Das Ziel ist eine verantwortliche Balance: Die Gemeinde vor Ort braucht Ressourcen und auch der gesamte Seelsorgeraum braucht Planungssicherheit. Das Erzbistum wird darauf achten, dass Subsidiarität tatsächlich gelebt und auch finanziell möglich wird.

Redaktion

Was erhoffen Sie sich eigentlich davon für die Pastoral?

Generalvikar Dr. Bredeck

Diese Frage ist entscheidend. Wenn der Bistumsprozess nur eine Verwaltungsreform wäre, wäre er zu wenig. Wir wollen mehr Raum für das schaffen, wozu die Kirche da ist: für die Verkündigung des Evangeliums, für Gottesdienst, für Seelsorge, für Glaubensweitergabe, für Gemeinschaft und für den Dienst an Armen und Benachteiligten. Der Bistumsprozess fragt nicht nur: Wie organisieren wir uns künftig? Er fragt tiefer: Wie kommt das Evangelium heute zu den Menschen? Wie erreichen wir junge Menschen, Familien, Suchende, Trauernde, Einsame, Menschen in Not, Menschen, die mit Kirche wenig anfangen können, aber nach Sinn, Halt und Hoffnung suchen? Strukturen sind dafür Mittel, nicht Ziel. Eine größere Pfarrei ist nur dann sinnvoll, wenn sie Freiraum schafft: für Nähe, für geistliche Vertiefung, für neue Formen, für mutige pastorale Initiativen.

Die Ankerzeit soll deshalb Raum geben für Hören, Unterscheiden, Beten, Sprechen und gemeinsames Lernen. Sie soll helfen, dass aus einem neuen Gebiet ein gemeinsamer kirchlicher Verantwortungsraum wird.

Generalvikar Dr. Michael Bredeck
Redaktion

Was bedeutet in diesem Zusammenhang die „Ankerzeit“?

Generalvikar Dr. Bredeck

Die Ankerzeit soll helfen, dass die neuen Seelsorgeräume nicht nur organisatorisch starten. Sie sollen sich geistlich verorten. Das heißt: Menschen fragen gemeinsam, was diesen Raum prägt. Welche Orte sind wichtig? Welche Erfahrungen tragen? Welche Charismen gibt es? Wo sind Menschen besonders verletzlich? Wo ist die Kirche schon nah? Wo fehlt sie? Was muss geschützt werden? Was darf neu wachsen? Ohne geistliche Verortung besteht die Gefahr, dass wir nur Zuständigkeiten verschieben. Wir wollen aber den Auftrag der Kirche neu in den Blick nehmen und vitalisieren. Die Ankerzeit soll deshalb Raum geben für Hören, Unterscheiden, Beten, Sprechen und gemeinsames Lernen. Sie soll helfen, dass aus einem neuen Gebiet ein gemeinsamer kirchlicher Verantwortungsraum wird.

Redaktion

Was sagen Sie Menschen, die diesen Weg trotzdem ablehnen?

Generalvikar Dr. Bredeck

Zustimmung kann man weder verordnen noch voraussetzen. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die enttäuscht oder verletzt sind, und es wird auch Menschen geben, die sich abwenden. Ich möchte aber darum bitten, das nicht vorschnell zu tun: denn noch ist vieles in der konkreten Ausgestaltung offen. Und genau dort braucht es die Erfahrungen der Menschen vor Ort. Gute Erfahrungen mit den neuen Wegen werden die beste Basis sein, dass Menschen die künftigen Strukturen akzeptieren und sich in deren Rahmen mit ihren jeweiligen Interessen und Talenten engagieren. Wer weiß, was ein Dorf, ein Stadtteil, ein Kirchort braucht, kann diese Erfahrung einbringen. Wir werden nicht alle überzeugen. Aber wir wollen ehrlich erklären, warum wir diesen Weg gehen. Wir wollen klar benennen, was sich verändert. Und wir wollen verbindlich daran arbeiten, dass Verantwortung vor Ort nicht nur versprochen, sondern ermöglicht wird. Der Bistumsprozess wird am Ende nicht daran gemessen werden, ob seine Begriffe gut klingen. Er wird daran gemessen werden, ob Kirche vor Ort lebendig bleibt, ob Menschen mit dem Evangelium in Berührung kommen und ob Engagierte erleben: Mein Engagement zählt.

Redaktion

Was ist Ihre Hoffnung?

Generalvikar Dr. Bredeck

Meine Hoffnung ist, dass aus der notwendigen Veränderung ein geistlicher Lernweg wird. Dass wir Abschied und Trauer zulassen, aber nicht darin stehen bleiben. Dass wir nüchtern auf die Realität schauen und trotzdem nicht klein von Kirche denken. Ich hoffe, dass nach und nach immer mehr Menschen entdecken können: Es wird anders, aber es kann weiterhin mein Ort sein, meine Aufgabe, mein Engagement, mein Beitrag. Vielleicht in anderer Form. Vielleicht in einem Team. Vielleicht mit einem neuen Mandat. Aber mit wirklicher Bedeutung und Wirksamkeit. Und ich hoffe, dass wir als Katholische Kirche im Erzbistum Paderborn fragen: Wozu sendet Christus uns heute? Für wen sind wir da? Wo wird Hoffnung gebraucht? Wo braucht es Nähe, Glauben, Gemeinschaft und Dienst am Nächsten? Wenn diese Fragen im Mittelpunkt stehen, kann aus einem Strukturprozess ein geistlicher Aufbruch werden.

Ein Beitrag von:
Redaktionsleitung

Dirk Lankowski

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