Schon einmal auf das Männchen-Symbol am rechten Seitenrand von Wir-Portal oder Erzbistumsseite geklickt? Probieren Sie es aus! Nach dem Klick öffnet sich ein Auswahlfenster mit vielen Optionen, mit denen die Menschen mit Behinderung die Darstellung der Online-Inhalte anpassen und die Nutzung vereinfachen können. Hinter den neuen Möglichkeiten steckt ein sogenanntes Overlay-Tool. Die technische Lösung ist aber nur ein erster Schritt zu mehr Barrierefreiheit und Inklusion. Im Interview berichtet Anja Fecke als Diözesanbeauftragte für die Seelsorge für und mit Menschen mit Behinderung von ihren Plänen, gemeinsam mit ihrem Team die in der Behindertenpastoral gesammelten Erfahrungen auf die Online-Kommunikation zu übertragen.
Teilhabe und Teilgabe
Frau Fecke, eine Vorlesefunktion, eine integrierte Übersetzung in viele Sprachen und die Möglichkeit, die Schriftgröße anzupassen, hatten Erzbistumsseite und Wir-Portal Seite schon seit geraumer Zeit. Was kann das Overlay-Tool?
Das sehen Sie beim Herumklicken. Die Seite lässt sich jetzt nicht mehr nur mit der Maus, sondern auch mit der Tastatur steuern. Menschen, die zu Krampfanfällen neigen oder Konzentrationsschwierigkeiten haben, können störende Animationen und gefährliche Farbkombinationen deaktivieren. Die Nutzerinnen und Nutzer unserer Online-Angebote können Wort- und Zeilenabstände beliebig vergrößern und Bilder in Schwarzweiß anzeigen oder auch ganz ausblenden, und so weiter und so fort. Jede Funktion für sich genommen ist unspektakulär, aber jede Funktion hilft Menschen mit Behinderung, weniger behindert zu werden. Davon abgesehen helfen inklusive Inhalte allen Menschen, unabhängig davon, ob behindert oder nichtbehindert.
Es geht also um Teilhabe?
Ja, und um Teilgabe.
Verzeihen Sie meine Unwissenheit. Was ist der Unterschied zwischen Teilhabe und Teilgabe?
Teilhabe geht vom Individuum aus, mit seinen spezifischen Kompetenzen, mit oder ohne Behinderung, und ist nachfrageorientiert. Die Frage lautet: Kann ich mitmachen? Teilgabe geht von der Angebotsseite aus und ist die Bereitschaft, andere an den Aktivitäten oder am eigenen Leben teilnehmen zu lassen.
Wie steht es um Teilhabe und Teilgabe in der Kirche?
Eigentlich gut, denn Teilhabe und Teilgabe sind nur andere Begriffe für Evangelisierung. Vor Gott sind alle Menschen gleich viel wert, unabhängig von dem, was wir können oder wie wir aussehen, woher wir kommen, welche Sprache wir sprechen, wie gewandt wir uns ausdrücken können, ob wir normschön sind oder nicht. Für Menschen mit Behinderung ist dies etwas sehr Wichtiges und ein Grund zur Freude, die sie auch zeigen. Das erleben Sie, wenn Sie einen Gottesdienst besuchen, an dem viele Menschen mit kognitiver Behinderung teilnehmen. Es gibt Zwischenrufe, manche Lieder machen so viel Spaß, dass sie zweimal gesungen werden, manche Fürbitten sind so wichtig, dass es notwendig ist, sie gleich am Anfang zu verlesen. Das sprengt die Liturgie und ist einfach wunderbar.
Diese Glaubensfreude wollen Sie jetzt in die Online-Kommunikation tragen? Reicht dazu ein Overlay-Tool?
Es ist schwer, die Begeisterung für einen Gottesdienst in einen Text zu übertragen. Ich will, dass die Texte zugänglich werden und dazu kann ein Overlay-Tool einen Beitrag leisten. Technik allein wird es aber nicht richten, selbst bei einem guten Tool gibt es keine Inklusion auf Knopfdruck. Der wesentliche Schritt zu mehr Inklusion ist für mich, dass wir auf unseren Internetportalen zukünftig eigene inklusive Inhalte ausspielen.
Übrigens: Gefördert durch die Aktion Mensch
Das in der Online-Kommunikation des Erzbistums Paderborn eingesetzte Overlay-Tool wurde von der Aktion Mensch im Zuge der „Mikroförderung Barrierefreiheit“ mit 5.000 Euro bezuschusst. Mit der Summe sind die Lizenz-Kosten des Overlay-Tools für das erste Jahr und die Programmierarbeiten zu großen Teilen abgedeckt.

An welche Inhalte denken Sie?
Beispielsweise an inklusive Videos für Sehbehinderte mit Untertiteln, mit simultaner Übersetzung in Gebärdensprache und Audiodeskription. Für Gläubige mit kognitiven Behinderungen steht die Leichte Sprache im Vordergrund. Ich will, dass spirituelle Impulse, Gebete und andere religiöse Inhalte, aber auch wichtige Nachrichten in Leichter Sprache online verfügbar sind. Wir wollen auch wenigstens Teile der Bibel in Leichter Sprache zur Verfügung stellen. Die Übertragungsarbeit verantwortet ein Team des Katholischen Bildungswerkes in Stuttgart, in dem auch ich mitarbeite. Die Aufgabe lautet übertragen, nicht übersetzen. In Leichter Sprache entsteht ein neuer Text.
Können Sie ein Beispiel geben, wie Leichte Sprache funktioniert?
Das mache ich gern.
Einfache Sprache hat Regeln.
Die Sätze sind kurz.
Das einzige Satzzeichen ist der Punkt.
Jeder Satz ist ein Absatz.
Es gibt nur Gegenwart.
Schwierige Wörter werden erklärt.
Prophet ist ein schwieriges Wort.
Wie erklären Sie Prophet in Leichter Sprache?
Ein Prophet kann Gott mit dem Herzen hören.
Eine schöne und sehr kluge Erklärung! Die Übertragung von Texten in Leichte Sprache ist eine Aufgabe, die gar nicht leicht erscheint. Haben Sie in Ihrem Team genügend Kompetenzen und Ressourcen für diese Aufgabe?
Unser Team setzt sich aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Seit vielen Jahren gestalten wir Gottesdienste und entwickeln Materialien für Menschen mit unterschiedlichen Formen der Behinderung. Darauf lässt sich aufbauen. Die Menge an Content allein aus unserer Kommunikationsabteilung ist gigantisch, dazu kommen noch viele weitere Informationen aus dem Generalvikariat, aber auch aus den Dekanaten, Pastoralen Räumen und Gemeinden und von vielen Informationsquellen außerhalb unserer eigenen Institutionen und Organisationen. Wir müssen also eine Auswahl treffen, auch nach den Interessen unserer Zielgruppen. Zudem experimentieren wir beim Übertragen der Inhalte in Leichter Sprache mit Künstlicher Intelligenz, also mit KI.
Gut zu wissen: Einfache und Leichte Sprache
Einfache und leichte Sprache haben dasselbe Ziel: Texte sollen einfacher und besser verstanden werden können. Der Unterschied: Für Einfache Sprache gibt es keine festen Regeln, sondern nur Grundsätze mit Empfehlungscharakter. So sollen Sprache beispielsweise Fremdwörter vermieden werden und Sätze kurz und einfach aufgebaut sein. Für Leichte Sprache existiert dagegen ein umfassendes Regelwerk. Auch müssen Texte in Leichter Sprache eine Qualitätskontrolle durch Menschen mit Lernbehinderung durchlaufen.
Was können Sie von diesen Experimenten mit Künstlicher Intelligenz berichten?
KI kann heute schon viel, zum Beispiel Videos automatisch untertiteln. Für die Übertragung von Inhalten in Leichte Sprache gibt es gleich mehrere KIs, etwa die des Anbieters SUMM-AI oder die KI, die der FC St. Pauli in einem Projekt entwickeln ließ und jetzt anderen Institutionen zur Verfügung stellt. Diese KIs sind lernende Systeme. Fußballdeutsch beherrscht die KI des FC St. Pauli bestimmt schon sehr gut. Für unseren Einsatzzweck müssen wir sie noch mit religiösen Inhalten füttern. Am Ende muss auch immer noch ein Mensch das Ergebnis kontrollieren und bei Bedarf nachsteuern. Aber bei der Übertragung von großen Textmengen ist die KI auf jeden Fall hilfreich.
Und, wann geht es los mit den inklusiven Beiträgen?
Wir brauchen noch ein bisschen Vorbereitungszeit, damit wir einen laufenden Sendebetrieb gewährleisten können. Aber Anfang des kommenden Jahres gehen wir gewiss auf Sendung.
Gut zu wissen: Papst Franziskus befürwortet Inklusion
Auch Papst Franziskus ist ein Verfechter von Inklusion. Das machte er in seiner Gebetsmeinung im Dezember 2023 in einem Video auf YouTube deutlich. Darin sprach er sich für Programme und Initiativen aus, welche die Inklusion fördern. Auch forderte der Papst einen Mentalitätswandel: „Wir müssen etwas an unserer Mentalität ändern, um offen zu sein für die Beiträge und Talente dieser anders begabten Menschen, sowohl in der Gesellschaft als auch im Leben der Kirche. Eine barrierefreie Pfarrei zu schaffen bedeutet also nicht nur, physische Barrieren zu beseitigen, sondern auch davon auszugehen, dass wir aufhören müssen, über ‚sie‘ zu reden, und anfangen müssen, von ‚uns‘ zu sprechen.