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© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

„Jede und jeder trägt Verantwortung abgestuft, aber real“

Die Studie zum Missbrauch ist veröffentlicht – was nun?

Nach der Veröffentlichung der Studie zum sexuellen Missbrauch steht das Erzbistum Paderborn mit seinen Gemeinden vor der nächsten entscheidenden Phase: die Ergebnisse in den Kirchengemeinden vor Ort ins Gespräch zu bringen und Räume für eine offene Auseinandersetzung zu schaffen.

"Dem Thema nicht ausweichen und es sensibel aufgreifen"

Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz fand dazu klare Worte. Bei den drei Regionalkonferenzen betonte er, dass das Thema sexualisierte Gewalt in allen Bereichen präsent bleiben müsse – vor allem in den Gemeinden vor Ort. „Ich habe die klare Erwartung an die pastoralen Mitarbeitenden, dass sie dem Thema nicht ausweichen und es sensibel aufgreifen“, sagte er. Es dürfe „keinen Ort geben, an dem dieses Thema nicht besprechbar ist“.

Zugleich machte der Erzbischof bei der Informationsveranstaltung für alle Mitarbeitenden deutlich, wie tief die Studie wirkt: Die Dienstgemeinschaft, viele Gemeinden seien ein „irritiertes System“, weil sie in Berührung gekommen sind mit den Ergebnissen der Studie, die schweren Missbrauch und Vertuschung beschreibt. Und: Viele Menschen sind zwar nicht unmittelbar betroffen, aber würden durch Betroffene sowie Täter und Beschuldigte im eigenen Umfeld doch in Beziehung zum Thema stehen. Diese Irritation ernst zu nehmen und daraus konkrete Schritte zu entwickeln, sei nun die gemeinsame Aufgabe im Erzbistum.

Die Dezember-Ausgabe 2025 der „wirzeit“ widmet dem Thema Missbrauch, Intervention und Prävention das gesamte zweite Buch ab Seite 9. Was dort zur Sprache kommt, kann – ebenso wie die bestellbare Infobroschüre zur Aufarbeitung im Erzbistum Hilfe auch für die jetzige Situation nach Veröffentlichung der Studie sein. Nachfolgend dargestellt sind Ausschnitte aus zwei Texten, einem Interview mit einem Kirchenexperten zum Thema „Menschenwürde und Sorge um schutzbedürftige Personen“ und einem Bericht über eine betroffene Gemeinde, die transparent und mutig nach vorne ging.

„Safeguarding ist ein Ausdruck des Glaubens“

Eine Einordnung zum Thema bietet Pater Hans Zollner SJ. Er ist Theologe, Psychologe sowie Psychotherapeut und leitet das „Institut für Anthropologie – Interdisziplinäre Studien zu Menschenwürde und Sorge für schutzbedürftige Personen (IADC)“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Der Ausschnitt aus dem wirzeit-Interview befasst sich mit dem Thema „Safeguarding“: Safeguarding umschreibt den Schutz von Kindern und anderen Schutzbefohlenen vor geistigem oder körperlichem Missbrauch. Es geht darum, sichere Räume, Beziehungen sowie Abläufe und Prozesse zu schaffen. Vorweg: Verantwortung sieht Pater Zollner in jedem Einzelnen.

Was raten Sie Engagierten vor Ort?

„Safeguarding ist ein Ausdruck des Glaubens. Die Sorge für Verwundete, Arme, Kranke und Schutzbefohlene gehört in die Mitte – das hat Jesus selbst gelehrt. Solange wir das nicht verstehen, bleibt das Thema am Rand. Deshalb braucht es eine spirituelle und theologische Verankerung. Deshalb sind für mich der Missbrauch und die Vertuschung durch kirchliche Leitungspersonen auch ein Ausdruck fehlenden Glaubens. Dass Bischöfe und Verantwortliche ihre Pflichten nicht wahrgenommen haben, hat die Glaubwürdigkeit der Kirche nicht nur beschädigt, sondern für manche auf ewig zerstört.“

Wie kann diese Haltung konkret eingeübt werden?

„Das beginnt im persönlichen Gebet für eine sichere Kirche und für Betroffene. Es setzt sich fort in der Liturgie und in der Gemeindepraxis: Elternarbeit bei Kommunion- und Firmvorbereitung, transparente Meldewege, klare Abläufe, regelmäßige Schulungen. Jede und jeder trägt Verantwortung – abgestuft, aber real. Selbst das kleinste Rädchen hat Einfluss darauf, dass die Kirche in die richtige Richtung fährt: hin zu einer Gemeinschaft, in der Menschen sich sicher fühlen, sicher sind und ihren Glauben entfalten können.“

Glauben Sie nicht, dass das Thema auch viele überfordert?
„Doch. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist eines der verstörendsten Themen überhaupt. Das erklärt auch die gesellschaftliche Abwehr. Umso wichtiger sind behutsame, aber konsequente Schritte – persönlich wie institutionell. Wegschauen lindert vielleicht kurzfristig, löst aber nichts. Ich vergleiche das mit einer Krebserkrankung: Man kann versuchen, die Symptome zu verdrängen oder mit Schmerzmitteln zu überdecken – aber der Krebs breitet sich dennoch weiter aus, bis es zu spät ist. Deshalb braucht es Mut, das Thema anzunehmen und wirksam zu handeln.“

Beispiel Arnsberg: Gemeinschaftliche Entscheidung zu Transparenz

Was es bedeutet, ein „irritiertes System“ zu sein und damit umzugehen, zeigt sich konkret vor Ort – etwa in Arnsberg. Dort handelte Propst Stephan Schröder ab dem Spätsommer 2023 entschlossen: Von einem Tag auf den anderen war seine Gemeinde offiziell ein irritiertes System. Der Leiter von St. Laurentius wurde damals von Thomas Wendland, Interventionsbeauftragter des Erzbistums Paderborn, informiert: Ein ehemaliger Priester, der seit 1991 in Arnsberg eingesetzt war und bis zu seinem Tod 2016 auch dort lebte, war verurteilter Täter sexualisierter Gewalt. Es handelte sich um Johannes Nokelski – einen beliebten Pfarrer, der sich stark in der Jugendarbeit engagiert hatte und zu dem viele, gerade ältere Mitglieder der St.-Norbertus-Gemeinde, in enger Beziehung standen.

„Als mich die Nachricht erreichte, war ich geschockt“, erinnert sich Propst Schröder. Vor zwei Jahren erst war er nach Arnsberg gekommen, 13 Jahre hatte er davor als Jugendpfarrer gearbeitet. Kinder begleiten zu dürfen, das weiß er, bedeutet einen hohen Vertrauensvorschuss. Sein erster Impuls: die Informationen transparent zu machen. Kirchenvorstand, Pastoralteam und Thomas Wendland für das Generalvikariat entschieden gemeinsam: Im Juni 2024 fand ein Informationsabend statt, mehr als 100 Personen kamen in die Propsteikirche St. Laurentius. Die Presse war vor Ort, auch Betroffenenvertreter waren anwesend.

Sprachlosigkeit, Tränen, Wut und neues Vertrauen, das hoffentlich wachsen kann

Propst Schröder lud die Gemeinde zu einem Gebet ein, um die Sprachlosigkeit, die in der Luft lag, in Worte zu fassen. Ein Mann ergriff das Mikrofon und ließ seinem Frust unter Tränen Raum. In vielen Gesichtern machte sich Verärgerung über den früheren Priester breit, dem so viele Gläubige sich und ihre Kinder anvertraut hatten, Verunsicherung angesichts eines brüchig gewordenen Weltbilds, vor allem aber Wut auf Verantwortungsträger im Erzbistum. „Es war ein sehr emotionaler Abend, der mich lange bewegt hat“, erinnert sich Propst Schröder. „Am Ende sah ich in viele enttäuschte Gesichter und spürte, dass etwas fehlte.“ Statt eines Schlussgebets sagte er also: „Entschuldigung. Für diese Kirche, für die ich Verantwortung trage und deren Gesicht auch ich bin. Ich bin selbst sprachlos und verletzt.“ Und er betont: „Ich trage keine Verantwortung dafür, was passiert ist. Aber ich habe als leitender Pfarrer Verantwortung, wie wir damit umgehen.“

Bis heute bietet das Seelsorgeteam in Arnsberg offene Seelsorgegespräche an. Rund 25 Einzel- und Gruppengespräche, in denen auch leise Stimmen gehört werden, haben stattgefunden. Thomas Wendland hat in Arnsberg außerdem ein Gespräch mit ehemaligen Messdienerinnen und Messdienern geführt. „Die Wahrheit ist auf dem Tisch. Jetzt heißt es, zu schauen, was die Menschen brauchen, um damit “, erklärt Propst Schröder, den seither viele Mails und Briefe erreicht haben. Positive Rückmeldungen zu seinem ehrlichen Umgang mit dem Missbrauchsfall, aber auch Stimmen, die Täter und Kirche schützen wollen und die öffentliche Diskussion kritisieren. Propst Schröder hofft, dass der Arnsberger Weg dazu führt, dass in geschützten Räumen und in der persönlichen Begleitung der Gemeinde wie Einzelner wieder Vertrauen in Kirche wachsen kann.

Der Fall Arnsberg zeigt: Betroffene Gemeinden sind nicht allein. Dankbar ist der Propst für die verantwortungsbewusste und einfühlsame Begleitung durch den Interventionsbeauftragen Thomas Wendland, mit dem er während dieser Zeit in engem Austausch stand. Auch Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz hatte bei den Regionalkonferenzen zur Studie betont, dass sie überall in den Gemeinden ein wichtiges Thema sein müsse und dass Unterstützung durch das Erzbistum bereitgestellt werden könne.

Das gesamte Interview mit Pater Hans Zollner SJ und den Bericht über den Fall Arnsberg finden Sie hier ab Seite 12 und 16.

Ein Beitrag von:
Sonja Funke

Sonja Funke

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