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© Black Salmon / shutterstock.com
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Seelsorge braucht Freiheit

Der Pastorale Raum Delbrück-Hövelhof hat als erster im Erzbistum Paderborn ein Schutzkonzept zur Prävention geistlichen Missbrauchs entwickelt

Schutz vor geistlichem Missbrauch im Pastoralen Raum

Seelsorge lebt von Vertrauen. Menschen sprechen über ihren Glauben, ihre Hoffnungen, Krisen und wichtigen Lebensentscheidungen. Gerade deshalb braucht es einen verantwortungsvollen Umgang mit geistlicher Autorität.
Das Schutzkonzept zur Prävention geistlichen Missbrauchs soll helfen, spirituelle Selbstbestimmung zu schützen, Machtgefälle bewusst wahrzunehmen und eine Kultur zu stärken, in der Glauben in Freiheit wachsen kann.

Darüber sprechen Rainer Fromme (Beauftragter für Verdachtsfälle von Missbrauch geistlicher Autorität im Erzbistum Paderborn), Pfarradministrator Dr. Manuel Klashörster und Pastoralreferent Dr. Daniel Rumel aus dem Pastoralen Raum Delbrück-Hövelhof.

Redaktion

Warum hat der Pastoralverbund Delbrück-Hövelhof ein eigenes Schutzkonzept zur Prävention geistlichen Missbrauchs entwickelt?

Dr. Daniel Rumel

Der Grund warum wir hier sitzen, ist der länger andauernde Kontakt mit Herrn Fromme – auch zur Konzeption des Schutzkonzeptes.
Ich habe einige Jahre in der Fachstelle für geistliche Begleitung gearbeitet, die eine enorme Überlappung mit dem Thema hat. Geistliche Begleitung ist ein deutlicher Gefahrenkontext für geistlichen Missbrauch. Dass das Thema auf dem Tisch lag, ist noch nicht lange her. Das kam mit der Veröffentlichung der Arbeitshilfe Nr. 338 der Deutschen Bischofskonferenz 2023: „Missbrauch geistlicher Autorität. Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch“.
Zur Prävention von Geistlichen Missbrauch haben wir das Schutzkonzept in Delbrück-Hövelhof eingeführt.

Redaktion

Bestehende Präventionskonzepte reichen also nicht aus?

Rainer Fromme

Die bestehenden Konzepte zur Prävention sexueller Gewalt sind unverzichtbar. Beim geistlichen Missbrauch kommt etwas hinzu, das sich schwerer greifen lässt. Viele problematische Situationen beginnen nicht mit einem klaren Verstoß, sondern mit schleichenden Verschiebungen: Wer deutet den Willen Gottes? Wer entscheidet, was geistlich richtig ist? Wer übt Einfluss auf Menschen aus, die Orientierung suchen?

Das Schutzkonzept des Pastoralen Raumes Delbrück-Hövelhof benennt diese Ebene ausdrücklich. Es will helfen, geistlichen Missbrauch frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, spirituelle Selbstbestimmung zu schützen, Machtgefälle bewusst reflektieren und die Sprachfähigkeit aller Beteiligten zu stärken. Damit ist es mehr als ein Verfahren für den Ernstfall. Es ist ein verbindlicher Orientierungsrahmen für pastorales Handeln.

Redaktion

Wer hat an dem Schutzkonzept mitgearbeitet?

Dr. Manuel Klashörster

In unserem Team hat Dr. Daniel Rumel zunächst ein Konzept entworfen, dass wir dann immer wieder gemeinsam überarbeitet haben. Danach wurden die erarbeiteten Inhalte mit den beiden zentralen Gremien beraten: Dem Rat der Pfarrei und dem Finanzausschuss.

Redaktion

Gab es Herausforderungen bei der Erarbeitung?

Rumel

Dieses Präventionskonzept ist aus Herausforderungen erwachsen. Ich erlebte immer wieder gewisse Haltung, die geistlichen Missbrauch begünstigte. Das hat mich zu einer Auseinandersetzung geführt.

Symbolbild-Geistliche Begleitung braucht Freiheit © Marcel Clasen / Erzbistum Paderborn
Redaktion

Haben wir hier daher ein fertiges Schutzkonzept vorliegen?

Fromme

Das Schutzkonzept war erst der Aufschlag und ist noch nicht der Abschluss. Es entwickelt sich weiter.

Rumel

Unter Punkt 9 „Implementierung, Evaluation und Weiterentwicklung“ haben wir festgeschrieben: „Dieses Präventionskonzept ist kein statisches Dokument. Es wird regelmäßig überprüft, evaluiert und an neue pastorale Herausforderungen angepasst. Prävention wird verstanden als gemeinschaftlicher Lernprozess und als Ausdruck einer geistlich verantworteten Pastoral.“

Redaktion

Wie lässt sich geistlicher Missbrauch beschreiben?

Fromme

Geistlicher Missbrauch liegt vor, wenn geistliche Autorität, religiöse Sprache oder spirituelle Praktiken dazu genutzt werden, die Gewissensfreiheit anderer einzuschränken, Abhängigkeiten zu erzeugen, Angst oder Schuld aufzubauen oder ihre spirituelle Selbstbestimmung zu untergraben.

Wichtig ist: Geistlicher Missbrauch ist nicht an ein bestimmtes Amt gebunden. Er kann überall dort entstehen, wo jemand geistliche Deutungshoheit bekommt oder beansprucht. Das kann ein Priester sein, eine pastorale Mitarbeiterin, ein Gruppenleiter, eine geistliche Begleiterin oder auch eine ehrenamtliche Person mit starkem Einfluss.

Ein besonders sensibles Warnzeichen ist die Verwechslung menschlicher Perspektiven mit der Stimme Gottes. Wenn jemand sagt: „Gott will das von dir“, entsteht ein anderer Druck als mit der Frage: „Dies könnte eine Möglichkeit für dich sein. Welche weiteren siehst du für dich? Was fühlt sich für dich stimmig an?“

Rumel

Der Begriff geistlicher Missbrauch ist eben nicht so leicht festzuschreiben wie der Begriff „Sexueller Missbrauch“. Geistlicher Missbrauch geschieht wesentlich diffuser. Er kann sogar dann geschehen, wenn die Person, die ihn ausübt, gar nichts objektiv Übergriffiges im Sinn hat. Oftmals halten Menschen ihren geistlichen Kontext wirklich für einzig und allein heilbringend. Dann starten sie Unternehmungen, um Menschen an diesen zu binden. Sie meinen es dann nicht direkt böse und richten dennoch oft einen erheblichen Schaden an.

Auszüge aus dem Schutzkonzept des Pastoralen Raumes Delbrück-Hövelhof

… auf die Frage der nach dem Verhaltenskodex. Was beinhaltet er?

Der Kodex ist sehr konkret und sagt: Wir respektieren die Gewissens- und Entscheidungsfreiheit jedes Menschen. Wir sprechen nicht im Namen Gottes über konkrete Lebensentscheidungen anderer. Wir reflektieren unsere Rolle, unser Amt und unsere Wirkung regelmäßig. Wir vermeiden exklusive, abhängig machende geistliche Beziehungen.

Dazu kommt: Wir achten auf Signale von Überforderung, Angst oder innerem Druck. Wir fördern Kritik- und Sprachfähigkeit und unterdrücken keinen Widerspruch. Das ist keine Zusatzregel für Spezialfälle, sondern eine Grundhaltung für pastorales Handeln.

 

… auf die Frage nach den drei Grundsätzen: Gott bleibt Geheimnis. Der Mensch bleibt frei. Pastoral begleitet. Was steckt dahinter?

Diese drei Sätze beschreiben eine grundlegende pastorale Haltung. „Gott bleibt Geheimnis“ bedeutet: Wir verfügen nicht über Gott und instrumentalisieren ihn nicht für unsere eigenen Positionen. „Der Mensch bleibt frei“ bedeutet: Glaube kann nicht erzwungen werden. Und „Pastoral begleitet“ bedeutet: Unsere Aufgabe ist nicht Kontrolle, sondern Ermöglichung und Befähigung.

Das gilt besonders in der Katechese. Natürlich vermitteln wir Inhalte des Glaubens. Aber es geht nicht um fertige Antworten, die Menschen übernehmen müssen. Es geht darum, eine fragende Haltung gegenüber dem Geheimnis des Lebens und Gottes zu begleiten.

 

… auf die Frage nach der Bedeutung des Pastoralteams:

Das Pastoralteam spielt eine sehr große Rolle. Das Thema darf nicht an eine einzelne Person ausgelagert werden. Es reicht nicht, zu sagen: Dafür gibt es einen Beauftragten, eine Präventionsfachkraft oder ein Dokument im Ordner. Das Thema muss im Team verhandelt werden. Es muss Teil der gemeinsamen Kultur werden.

Kolleginnen und Kollegen müssen Räume bekommen, in denen sie einander Rückmeldung geben können. Man bemerke manchmal selbst nicht, wo man eine bestimmte Rolle einnimmt oder wo andere einen auf ein Podest stellen. Dann ist es wichtig, dass jemand sagen kann: Lass uns da noch einmal genauer hinschauen.

Redaktion

Welche Bereiche im pastoralen Alltag sind besonders gefährdet?

Fromme

Das Konzept nennt geistliche Begleitung und Seelsorge, Gruppen- und Gemeindeleitungen, Glaubenskurse, Katechese und Predigt, gemeinschaftliche religiöse Angebote, Aus- und Fortbildungskontexte sowie ehrenamtliches Engagement mit spiritueller Leitungsfunktion.

Das ist wichtig, weil missbräuchliche Dynamiken nicht nur in klassischen Seelsorgegesprächen entstehen können. Auch Gruppen, Kurse oder Ausbildungssituationen können anfällig sein, wenn es Wissensgefälle, Bewertungsverhältnisse oder starke Abhängigkeiten gibt. Besondere Aufmerksamkeit gilt Situationen mit einem Machtgefälle und hohem Vertrauensvorschuss.

Redaktion

Warum ist geistlicher Missbrauch oft so schwer zu erkennen?

Rumel

Die Manipulation fällt häufig gar nicht auf. Das ist etwas sehr kompliziertes und daher nehme ich häufig dieses Beispiel – ich bin in den 80er Jahren aufgewachsen und als ich 7-8 Jahre alt war, hat mein Vater immer gesagt: „Daniel, Schuhe an, wir fahren zu Oma!“ Solch ein Verhalten wird nach heutigen Maßstäben oft als autoritär abgestempelt, was es ja tatsächlich auch war.
Dagegen ist der heutige Vater nicht mehr autoritär. Der heutige Vater ist auf Augenhöhe und würde sagen: „Daniel, du weißt doch, die Oma ist so allein. Sie freut sich doch immer so wenn du kommst. Also jetzt überlegt doch nochmal, ob du mitfahren möchtest. Du bist völlig frei. Aber überleg doch nochmal genau.“
Das zweite Verhalten wirkt zunächst einfühlsamer, ist aber bei genau hinsehen manipulativ und wesentlich übergriffiger, als das erste, weil es den Willen des anderen gar nicht respektiert, sondern bewusst manipuliert. Bei den Kontexten geistlichen Missbrauchs ist es ähnlich. Er erscheint häufig emphatisch und zugewandt, wirkt sich aber manipulativ aus.

Redaktion

Heißt Schutz vor geistlichem Missbrauch, dass Seelsorge vorsichtiger, und distanzierter werden muss?

Rumel

Nein, gerade nicht. Ich habe schon gehört: „Sollen wir jetzt alle mit Samthandschuhen anfassen? Oder gar nichts mehr machen?“ Aber das wäre ein fatales Missverständnis. Für mich bildet dieses Schutzkonzept daher wirklich den Ermöglichungsraum für gesunde, heilsame Pastoral, die Menschen in ein selbstbestimmtes, freies, geistliches Leben begleitet. Und das funktioniert.

Es gibt eine Grundhaltung in der Gesprächsführung nach Carl Rogers, die sagt: „Ich habe nicht die Lösung des Problems. Die Lösung liegt im Anderen.“ Wenn ich dies wirklich zur Grundhaltung mache und mich immer weiter darin fortbilde, wird eine übergriffige Haltung nahezu unmöglich.

Fromme

Dazu gehört auch eine Grundhaltung der Demut und die Einsicht: Ich bin nicht Schöpfer, sondern im besten Fall „Geburtshelfer“.

Deswegen ist nicht ohne Grund die Emmaus-Geschichte Leitmotiv in der Geistlichen Begleitung. Wir schaffen keine Abhängigkeit, sondern gehen auch wieder. Geistlich Begleiten ist eine Wegbegleitung für eine Teilstrecke. Echte Veränderung geschieht durch Begegnung und Resonanz, niemals durch Manipulation oder gar Gewalt.

Redaktion

Woran erkennt man eine gute Seelsorge?

Fromme

Das ist – glaube ich – auch eine Qualität eines solchen Konzeptes, das uns die Frage der „guten Seelsorge“ beantwortet.
Und da haben wir wenig Rahmen: Natürlich haben wir das Zielbild, das Zukunftsbild und die Verlautbarungen der Deutschen Bischofskonferenz. Aber die wirkliche Praxis in der Seelsorge ist doch oft dem Einzelnen überlassen. Und damit gibt es eine große Bandbreite an Möglichkeiten.

Symbolbild-Geistliche Begleitung braucht Freiheit © Marcel Clasen / Erzbistum Paderborn
Redaktion

Und wie schaffen Sie es, einerseits Nähe und geistliche Begleitung anzubieten und gleichzeitig klare Grenzen zu achten?

Rumel

Durch Professionalisierung – durch gute Ausbildung. Geistliche Begleiter müssen eine dreijährige Ausbildung durchlaufen, in denen das trainiert und supervisiert wird.

Fromme

Dafür gibt es sogar eigene Standards, in denen das geregelt ist. Wichtig ist: Bewusstsein dafür, dass ich Fehler machen kann – Bewusstsein dafür, dass ich verführbar bin und sich bewusst sein, dass meine Handlungen Verantwortung brauchen und ich mich hinterfragen muss. In dem wir uns dem Thema stellen, haben wir einen Teil dieses Risikos minimiert. Es wird leider nie eine 100-prozentige Garantie geben. Kein Konzept kann Geistlichen Missbrauch vollends verhindern. Daher ist unser Ziel, das Risiko möglichst weit zu senken.

Redaktion

Wie bleibt ein solches Schutzkonzept lebendig und wird mehr als ein Papier im Ordner?

Fromme

Durch Beteiligung, Fortbildung und regelmäßige Reflexion. Ein Schutzkonzept entsteht nicht dadurch, dass jemand es schreibt und verteilt. Es muss mit den Menschen vor Ort ins Gespräch gebracht werden. Dazu gehören Schulungen, Supervision, kollegialer Austausch und die Reflexion pastoraler Praxis.

Genauso wichtig sind klare Ansprechpersonen und Meldewege. Im Pastoralen Raum Delbrück-Hövelhof ist Dr. Daniel Rumel erste Ansprechperson im Raum. Auf diözesaner Ebene bin ich als Beauftragter eingesetzt und werde seit dem 1. Juli auch durch Christiane Voß als Unabhängige Ansprechperson für Betroffene unterstützt: Hier Klicken!. Für Betroffene und Beobachtende ist wichtig zu wissen: Die Inanspruchnahme erfolgt freiwillig, vertraulich und ohne Vorverurteilung.

Redaktion

Was raten Sie anderen Gemeinden oder Pastoralen Räumen, die sich ebenfalls auf den Weg machen? Was wünschen Sie sich für das Erzbistum Paderborn?

Fromme

Der erste Schritt besteht darin, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei biete ich gerne meine Hilfe an. Ich werbe dafür, dass ein Konzept wie dieses bestehende Konzepte ergänzt. Es geht für mich um die Fragen: Was verstehen wir unter guter Seelsorge? Was haben wir für ein Gottes- und Menschenbild? Und ich wünschte mir, dass auch im Transformationsprozess diese Fragen stärker in den Vordergrund rücken.

„Zum Schutz spiritueller Selbstbestimmung und zur Förderung einer Kultur der Achtsamkeit“: Das Schutzkonzept in Kürze

Der Pastoralverbund Delbrück-Hövelhof erweitert seine bestehenden Präventionsstrukturen durch ein eigenes Schutzkonzept zur Prävention geistlichen Missbrauchs. Ziel ist es, geistlichen Missbrauch frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, spirituelle Selbstbestimmung zu schützen, Machtgefälle im pastoralen Handeln zu reflektieren und Sprachfähigkeit zu stärken.

Geistlicher Missbrauch liegt vor, wenn geistliche Autorität, religiöse Sprache oder spirituelle Praktiken genutzt werden, um Gewissensfreiheit einzuschränken, Abhängigkeiten zu erzeugen, Angst oder Schuld aufzubauen oder spirituelle Selbstbestimmung zu untergraben.

Leitgedanke: Geistliches Leben braucht Schutzräume, in denen Menschen frei glauben, fragen und wachsen können.

Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
Redakteur

Marcel Clasen

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