Noch vor wenigen Monaten hatte sich Corinna Zilles diesen Fragen zur Transformation vor allem am Schreibtisch genähert. Im vergangenen Schuljahr schrieb die Schülerin im Grundkurs Katholische Religion ihre Facharbeit über den Transformationsprozess im Erzbistum Paderborn. Sie untersuchte, ob er eine sinnvolle und zukunftsweisende Reaktion auf den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche sein kann. Ihre Arbeit beginnt mit Worten des Paderborner Erzbischofs selbst: „Wir wollen mehr. Mehr: Glauben, mehr: Gemeinsam, mehr: Gestalten.“ In seinem Wort zum Advent 2025 hatte Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz besonders junge Menschen angesprochen und angekündigt, sie stärker in den Umbruch einzubeziehen. Einige Monate später sitzt Corinna Zilles ihm gegenüber und tut genau das. Inzwischen ist sie in ihrem letzten Schuljahr. Ihre Arbeit wurde mit dem dritten Platz beim Facharbeitspreis der Theologischen Fakultät Paderborn ausgezeichnet. Ganz zufällig hat sie ihr Thema nicht gewählt: Corinna Zilles ist Pfadfinderin in der Gemeinde St. Hedwig in Paderborn, ihr Vater engagiert sich ebenfalls kirchlich und beschäftigt sich mit der Transformation. Für ihre Facharbeit ging sie trotzdem auf Distanz. Sie setzte sich mit Säkularisierung und Deinstitutionalisierung auseinander, mit sexuellem Missbrauch und dem damit verbundenen Vertrauensverlust, mit Priestermangel und den Plänen des Erzbistums. Ihr Fazit: Der Transformationsprozess ist ein sinnvoller Schritt. Zukunftsweisend könne er aber nur sein, wenn daraus konkrete Veränderungen entstehen und Menschen tatsächlich beteiligt werden.
Kirche ist in Corinna Zilles’ eigenem Leben sehr präsent. Gleichzeitig erlebt sie, wie weit sich viele Gleichaltrige von der Institution entfernt haben. Größere Strukturen sind dabei aus ihrer Sicht nicht unbedingt das entscheidende Problem. Wenn Menschen etwas wirklich erleben wollen und dafür brennen, würden sie auch weitere Wege auf sich nehmen. Die entscheidende Frage sei vielmehr: Was finden sie dort? Und wie erfahren sie überhaupt davon? „Wo erreicht man die Menschen eigentlich?“, fragt Corinna Zilles. Wie können Jugendliche mitreden, bevor Entscheidungen getroffen sind? Wie erreicht Kirche diejenigen, die nicht ohnehin schon engagiert sind? Fragen wie diese beschäftigen auch Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. Junge Menschen stärker einzubeziehen und nicht nur über, sondern mit ihnen über die Zukunft der Kirche zu sprechen, ist ihm ein wichtiges Anliegen.
Dabei geht es auch um einen Transformationsprozess, der für viele noch abstrakt ist. Wie wird daraus eine Vorstellung davon, wie Kirche künftig tatsächlich aussehen und sich anfühlen kann? Transformation bedeute nicht allein, Räume zu vergrößern und Strukturen neu zu ordnen, macht Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz deutlich. Es gehe auch darum, unterschiedliche Formen kirchlichen Lebens zu ermöglichen. „Wo werden wir etwas gewinnen durch die Veränderung? Worauf können wir uns wirklich freuen?“, fragt Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz. Eine fertige Antwort darauf gibt es noch nicht. Genau darin liegt eine der Herausforderungen des Prozesses. Gerade junge Perspektiven könnten dabei eingefahrene Diskussionen aufbrechen. Corinna Zilles wird an diesem Punkt sehr konkret: Neue Ideen dürften nicht vorschnell abgetan werden, nur weil jungen Menschen die Erfahrung fehle. Man müsse Dinge ausprobieren dürfen und dann auch feststellen können, dass sie vielleicht nicht funktionieren.
Bleibt noch eine Frage offen. Was wird aus Corinna Zilles nach dem Abitur? Die Hoffnung von Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz auf eine angehende Theologin erfüllt sich wohl nicht. Corinna Zilles möchte Medizin studieren. An diesem Freitagnachmittag hat Corinna Zilles eindrücklich gezeigt, warum sich der Austausch mit jungen Menschen über die Kirche von morgen lohnt. Wer darüber spricht, wie diese Kirche aussehen soll, sollte junge Menschen nicht nur mitdenken. Sondern mit ihnen sprechen.