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© roibu / Shutterstock.com
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Ein (Wahl-)Kreuz für die Menschenwürde

Blog-Beitrag von Weihbischof Josef Holtkotte

Es mag ein Zufall sein, dass das Symbol, mit dem wir bei einer politischen Wahl unsere Entscheidung markieren, meist ein Kreuz ist. Das Zeichen wird genutzt, weil es insbesondere bei der Auszählung der Stimmen für Eindeutigkeit sorgt.

Ein sehr eindeutiges Zeichen ist auch das Kreuz, das für uns Christinnen und Christen ein Heils-Zeichen ist – weil Jesus aus Liebe zu uns Menschen am Kreuz gestorben ist. Jesus hat das eigentlich für den Verbrechertod bekannte Kreuz auf sich genommen. Dadurch hat er bis zuletzt die unendliche Liebe bezeugt, mit der er jeden Menschen als Ebenbild seines Vaters mit weit ausgebreiteten Armen umfängt.

Diese Liebe ist existenziell und bedingungslos: Sie fragt nicht, woher jemand kommt. Sie urteilt nicht nach Verdiensten und Leistungsfähigkeit, nicht nach arm oder reich. Sie bewertet kein menschliches Versagen und Scheitern. Sie blickt auf den Menschen in seiner von Gott verliehenen Würde – unbesehen aller Kriterien, die in unserem menschlichen Empfinden als nützlich, berechtigt, gerechtfertigt oder gerecht gelten. Das ist die grundlegende Basis, die uns als Menschen verbindet: Jeder Mensch ist Kind Gottes. Das gilt ausnahmslos – auch wenn manche politische Äußerungen in ihrer Schärfe und Unerbittlichkeit den Eindruck vermitteln, manche Menschen seien mehr wert als andere.

Kraft und Kreativität, Mut und Demut

Natürlich wäre es naiv, an eine Welt ohne jegliche Unterschiede zu glauben – das ist auch gut so im Hinblick auf die Vielfalt an Charakteren und Charismen. Aber, und das bleibt das andauernde soziale Dilemma nicht nur in unserer Zeit: Es gab und gibt noch immer gravierende Unterschiede, was Wohlstand, Bildung oder Nahrungsversorgung angeht – und das nicht nur global, sondern bisweilen auch nicht weit von unserer eigenen Haustür entfernt. Es ist bis heute nicht gelungen, Armut flächendeckend und nachhaltig zu überwinden. Ebenso wenig sind die sozialen Umstände verschwunden, die bei Menschen Sorgen, Neid und Missgunst gegenüber ihren Mitmenschen auslösen. Die Bearbeitung dieser Herausforderungen bleibt eine Daueraufgabe für politisch Verantwortliche. Sie erfordert viel Kraft, Kreativität und Mut – und vor allem auch Demut.

Wie bei allen komplexen Herausforderungen werden schnelle Lösungen und große Versprechen, die mit Ausgrenzung und Abwertung von Menschen spielen, nichts bringen. Versprechen klingen stets verlockend. Doch halten sie einer ehrlichen Betrachtung der Realität stand? Mein Eindruck ist: Manche vermeintlich einfachen Antworten auf politisch komplizierte Sachfragen haben einzig die Absicht, Empörungsmechanismen zu schüren.

Die Menschenwürde zur Geltung bringen

Als Christinnen und Christen können wir einen unerlässlichen Beitrag leisten: Bringen wir in der gesellschaftlichen Gemengelage aus diffusen Ängsten und Sorgen, die schnell zu Konfrontation, Ablehnung und Polarisierung führen kann, immer wieder die Menschenwürde zur Geltung – ihre Achtung ist nicht selbstverständlich. Sie wurzelt für uns in der Gotteskindschaft jedes Menschen. Gottesliebe und Menschenliebe sind nicht voneinander zu trennen. Wer den Nächsten achtet und respektiert, blickt mit den Augen Jesu auf ihn und auf die Welt. Das ist nur ein kleiner, aber wichtiger Perspektivwechsel, um unser Miteinander und die Schöpfung ein Stück besser zu machen. Verschieben wir den Blick, der nur auf uns selbst gerichtet ist, hin auf unseren Mitmenschen in seiner Würde. Dadurch werden wir entdecken, dass wir lieber genauer hinsehen sollten, bevor wir Vorurteile und eine Abwehrhaltung entwickeln – und vielleicht einer Partei unsere Stimme geben, die Ausgrenzung proklamiert und damit wider die Menschenwürde handelt.

Wichtig ist mir an dieser Stelle eine Feststellung: Lautstarke Kritik allein genügt nicht, um die Stimmen derer zu übertönen, die christlichen Werten entgegenstehen. Wir brauchen Überzeugung durch Argumente, das Berühren der Herzen durch die Frohe Botschaft des Glaubens und ein Hören auf die Sorgen, Nöte und Unzufriedenheiten der Menschen. Bleiben wir beteiligt an offenen gesellschaftlichen Debatten über Migration, Klimaschutz, Sozialpolitik, Bildung, Generationengerechtigkeit und viele weitere Themen – aber immer auf dem Fundament der Achtsamkeit und des Respektes jedem Menschen gegenüber. Denn jeder Mensch ist einmalig und hat seine Würde.

Wofür setze ich mein Wahl-Kreuz?

Deshalb steht für mich fest: Die Würde eines jeden Menschen ist nicht verhandelbar. Verachtung und Verleugnung eines Menschen dürfen nach christlicher Überzeugung in dieser Gesellschaft keinen Platz haben. Hier geht es nicht um eine Kleinigkeit oder eine Nebensächlichkeit – nein: Hier geht es um Fundamentales und Grundsätzliches. Deshalb muss sich jede und jeder der Verantwortung vor Gott und den Menschen bewusst sein. Darauf sollte eine reife, gewissenhafte Wahlentscheidung erfolgen.

Alle, die in diesen Tagen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wählen und ihre Stimme abgeben, können sich fragen: Wofür setze ich mein Kreuz? Was will ich mit meiner Stimme unterstützen und ermöglichen – oder auch verhindern? Jesus hat sein Kreuz für uns als Zeichen für Gottes unendliche Liebe getragen. Damit ist die Würde eines jeden Menschen ein für alle Mal verbürgt. Gelingt es uns, diese Überzeugung in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht nur mit unserem Wahl-Kreuz, sondern auch mit unserer Haltung und unserem Engagement sichtbar zu machen?

 

Ihr

Weihbischof Josef Holtkotte

„Lautstarke Kritik allein genügt nicht, um die Stimmen derer zu übertönen, die christlichen Werten entgegenstehen. Wir brauchen Überzeugung durch Argumente, das Berühren der Herzen durch die Frohe Botschaft des Glaubens und ein Hören auf die Sorgen, Nöte und Unzufriedenheiten der Menschen. Bleiben wir beteiligt an offenen gesellschaftlichen Debatten über Migration, Klimaschutz, Sozialpolitik, Bildung, Generationengerechtigkeit und viele weitere Themen – aber immer auf dem Fundament der Achtsamkeit und des Respektes jedem Menschen gegenüber. Denn jeder Mensch ist einmalig und hat seine Würde.“

Weihbischof Josef Holtkotte

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