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© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn
© Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn

Die Spannung zwischen den Idealen des Glaubens und der Wirklichkeit

Mit einem Vespergottesdienst im Paderborner Dom wurde der Apostolische Protonotar Alfons Hardt als Generalvikar verabschiedet. Viele Weggefährten und Mitarbeitende nahmen an dieser Feier teil. Die Predigt hielt Spiritual und Domvikar Christian Städter. Er spricht die Spannung an, die ein „frommer Generalvikar“ spürt. Zwischen den Idealen des Glaubens und der Wirklichkeit. Hier lesen Sie die komplette Predigt:

Ein frommer Generalvikar

Ein frommer Generalvikar, zumindest stellt es sich ein Spiritual so vor, spürt sie immer wieder, vielleicht sogar täglich: die Spannung, die besteht zwischen der Klarheit und der Schönheit und der Gradlinigkeit der Botschaft Jesu vom Reich Gottes und der Kompromisshaftigkeit, den Verschattungen, der Unvollkommenheit unseres Kircheseins.

Am Morgen geht ein frommer Generalvikar in ein Kloster und feiert recht früh Eucharistie mit Ordensschwestern und einigen Gläubigen. Er verkündet das Wort Gottes, vielleicht einige Verse aus dem Hohepriesterlichen Gebet Jesu aus dem Johannesevangelium: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,21) Dann legt er vielleicht diese Verse in einigen Worten aus, führt sie sich selbst und den Gläubigen vor Augen.

Nach der Eucharistiefeier wird kurz gefrühstückt. Dann geht er in sein Büro. Er setzt sich an seinen großen Schreibtisch und da liegen sie: die Akten, die Vorlagen, die Briefe und die emails. Und fast alle rufen ihm ins Bewusstsein, wie kompliziert es heute ist, als Kirche von der Botschaft Jesu Zeugnis abzulegen in der Welt. Manchmal, wenn eine Akte mit einem besonders schweren Inhalt durchgearbeitet werden muss, da scheint es sogar fast unmöglich zu sein, als Kirche die Botschaft von der Liebe Gottes authentisch zu bezeugen.

Wenn ich mir dies vorstelle als jemand, der nicht in dieser Form mit solchen Vorgängen vertraut ist, dann frage ich mich: Wie lebt man solch eine Spannung? Wie erträgt man sie? Wie kann man der Realität ins Auge sehen, ohne den Glauben zu verlieren, den Glauben an die Kirche, den Glauben an die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, vielleicht sogar den Glauben an die Menschen und an Gott und sein anbrechendes Reich in der Welt?

Die Kirche am Meer

Jesus spricht vom anbrechenden Reich Gottes in Gleichnissen. Eben haben wir das Gleichnis vom Sämann gehört, so wie es der Evangelist Markus aufgeschrieben hat. Markus scheint es wichtig zu sein, seinen Lesern vor Augen zu führen, wo Jesus den Menschen dieses Gleichnis erzählt. Zweimal (im griechischen Originaltext sogar dreimal) erwähnt er, dass Jesus am See steht. Es ist der große See in Galiläa, der See Genezareth, „das Meer“, wie Markus wörtlich sagt. Hier, am See, ist die Heimat der Jünger Jesu. Hier sind sie groß geworden, hier sind sie zu Hause. Aber dieser Ort hat durchaus auch eine symbolische Bedeutung: Der Berg ist der Ort der Gegenwart Gottes, der Verklärung. Das Meer dagegen „ist der Ort der aufgewühlten Menschengeschicke, der Ort der Gefahr, des Risikos, des Chaos, der Unbeständigkeit.“ Es ist, als wolle der Evangelist seinen Lesern sagen: Hier, in die Unbeständigkeit, in das Chaos der Welt hinein hat Jesus vom Reich Gottes gesprochen. In der Welt mit all ihren Doppeldeutigkeiten und Schattierungen hat die Botschaft vom anbrechenden Gottesreich ihren Ort. Hier will sie verkündet und gelebt werden, auch wenn gerade hier die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders deutlich spürbar ist.

Wie groß ist doch manchmal die Versuchung, nur noch dort das Zelt der Kirche aufzuschlagen, wo die Botschaft in all ihrer Konsequenz und Strahlkraft gelebt werden kann! Wie groß scheint doch manchmal die Versuchung, eine Kirche der Reinen, der Hundertprozentigen aufzumachen! Wobei sich uns dann hoffentlich gleich die Frage ins Gewissen drängt: Würde ich selbst dann noch dazu gehören? Die Kirche und ihre Verkündigung gehören ans Meer, in die Situation aufgewühlter Menschengeschicke.

„Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett.“ so hat es Papst Franziskus einmal formuliert; in der kräftigen und prägnanten Ausdrucksweise eines porteño, eines Mannes aus der großen Hafenstadt am Meer, aus Buenos Aires. Ich denke, man kann in seinem Sinne durchaus ein weiteres Bild zeichnen: Ich sehe die Kirche wie ein Rettungsschiff (nennen wir es ruhig Sea-Eye Four), das hinausfährt auf das Meer, um Menschen zu bergen, die in Seenot geraten sind und vor dem Untergang gerettet werden müssen. Aber, so hat es einmal jemand formuliert, „das Schiff alleine schafft die Seenotrettung nicht. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die aus tiefster Überzeugung an andere denken und nicht wie andere wegschauen.“

Wie oft mag ein Generalvikar Menschen vor Augen geführt bekommen, die bildlich gesprochen in Seenot geraten sind – selbstverschuldet oder nicht – und die nun nichts anderes mehr tun können, als auf ein rettendes kirchliches Schiff zu hoffen. Die Kirche ist berufen, mitten in der stürmischen Welt zu segeln, um dort den Glauben zu leben und zu verkünden.

Ein älterer deutscher Priester, der in seinen ersten Kaplansjahren Anfang der 50er Jahre in der Vorstadtpfarrei einer deutschen Großstadt tätig war, hält Rückschau. Er schreibt: „Natürlich war ich mit Glaubenszweifeln der Menschen konfrontiert, und natürlich war die Art von Frömmigkeit, die ich (…) [dort] erlebte, anders als die in der dörflichen Gemeinschaft [zu Hause] (…). Vor allen Dingen aber ist man ja auch selbst als Glaubender ein Fragender, der immer neu die Wirklichkeit dieses Glaubens hinter und gegen die bedrängenden Wirklichkeiten des Alltags finden muss. Insofern erschien mir der Gedanke einer ‚Flucht in die reine Lehre‘ als vollkommen unrealistisch. Eine Lehre, die wie ein Naturschutzpark abgetrennt von der täglichen Welt des Glaubens und seiner Nöte bestehen würde, wäre zugleich ein Verzicht auf den Glauben selbst. Die Lehre muss sich in und aus dem Glauben entwickeln, nicht neben ihm stehen. “ so Papst Benedikt.

Der Sämann

Jesus steht also am See und erzählt von einem Sämann, um das Reich Gottes zu umschreiben.

Wie sieht der Tag eines solchen Sämanns aus? Ich stelle es mir so vor: Schon am Vorabend hat er seine Tasche mit den Samenkörnern gefüllt, die er am nächsten Tag aussäen möchte. Er legt sich schlafen. Und als er am nächsten Tag aufwacht, ist sein Herz voll Freude: Der Sämann freut sich, dass er heute hinaus auf sein Feld gehen wird, um die Samenkörner auf den Ackerboden zu werfen. Er gibt seiner Frau noch einen Kuss und dann geht er hinaus. Er steckt seine Hand in die Tasche, ballt sie zu seiner Faust und spürt die Körner zwischen seinen Fingern. Und dieses Gefühl, die Samenkörner in seiner Hand zu haben, ist für ihn der Inbegriff der Freude. Er spürt: In den Samenkörnern, die ich da zwischen den Fingern spüre, liegt die Zukunft: die Zukunft meiner Arbeit, die Zukunft meiner Familie, die Zukunft meines Lebens. Und ich habe diese Samenkörner nicht selbst gemacht, ich habe sie geschenkt bekommen – von Gott. Gott hat sie geheimnisvoll wachsen lassen und hat so viel Kraft in sie hineingesteckt, dass sie wieder neue Frucht hervorbringen können.

Das ist das erste, was für mich den Sämann ausmacht, die Freude. Er freut sich, weil er weiß: Ich habe von Gott etwas geschenkt bekommen, was ich auf meinem Feld ausstreuen soll. Und dieses Geschenk und meine Arbeit ergeben zusammen eine gute Zukunft.

Und ein zweites macht den Sämann aus: Er ein mutiger Mensch. Der Sämann weiß aus seiner langjährigen Erfahrung: Einiges von dem, was ich aussäe, wird auf unfruchtbaren Boden fallen. Es wird keine Frucht bringen. Es wird verloren gehen.

Die meisten von uns kennen diese Erfahrung: Wir arbeiten und rackern und zugleich wissen wir schon: Einiges, vielleicht sogar vieles von dem, was wir tun, wird ins Leere laufen. Wir werden keinen Erfolg haben. Wir werden vielleicht nicht die Früchte sehen können von der Saat, die wir aussäen. Mutlos kann ich sagen: Es hat sowieso keinen Sinn! Mutig kann ich sagen: Ich gehe es an!

Der Sämann ist ein mutiger Mensch und die Aussaat ist ein Ausdruck seines Vertrauens. Er vertraut darauf, dass einiges auf guten Boden fallen wird. Wer die Botschaft Jesu in der Welt aussäen will, muss mutig sein und vor allem auch mutig bleiben, kritisch und selbstkritisch – ja, aber er darf sich nicht entmutigen lassen.

Und ein drittes: Neben der Freude und neben dem Mut braucht der Sämann vor allen Dingen Geduld. Der Sämann muss warten können. Er kann das Wachstum der Samenkörner nicht beschleunigen. Er weiß: Ich bin der Sämann, wachsen lässt jemand anderes. Mit Fleiß muss er aufs Feld gehen, um zu säen. Mit Geduld muss er abwarten, dass die Frucht wächst. Der Sämann macht die Erfahrung: Es liegt nicht alles in meiner Hand. Es gibt Dinge, die ich in Gottes Hand lege. Gott lässt wachsen, oft langsam. Darüber kann sich nur derjenige freuen, der geduldig ist.

Freude, Mut und Geduld: Vielleicht ähnelt ein frommer Generalvikar dem Sämann in manchen Dingen. Wie der Sämann wird er immer wieder mit der beängstigenden Kleinheit des Anfangs von der Gottesherrschaft konfrontiert. Immer wieder nimmt er etwas wahr von der erschreckenden „Übermacht der Gegner, die das Werk Gottes vom Anfang bis zum Ende bedrohen.“ Aber wie der Sämann spürt vielleicht auch er: Das Reich Gottes, das die Kirche im Blick haben soll, ist nicht nur die reichhaltige Ernte. Das Kommen des Reichs Gottes beginnt schon mit dem ersten Schritt, den der Sämann am Morgen der Aussaat tut.

Conclusio

Das, was ein frommer Generalvikar immer wieder spürt, die Spannung zwischen den Idealen unseres Glaubens und der konkreten kirchlichen Wirklichkeit, diese Spannung kennzeichnet im Letzten unser aller Leben als Christinnen und Christen. Wir hören und glauben an die Ideale des Evangeliums, wir wollen sie leben. Und wir sind zugleich konfrontiert mit den Grenzen, Schwächen, inneren Vorbehalten, Verschattungen, die unsere Realität als Menschen ausmachen. Die Authentizität und damit auch die Stärke unseres Christseins bemisst sich eben nicht an der Höhe der Ideale, die wir verkünden, sondern an der Art und Weise, wie wir diese Spannung leben. Wir dürfen weder unsere Ideale, noch unsere gebrochene Realität verleugnen. Das ist vielleicht die schmerzhafte Lektion, die wir als Kirche in Deutschland und anderswo zur Zeit lernen.

Diese Spannung wird erfahrbar, wenn jeder ehrlich in sich selbst hineinhört. Sie wird erspürbar, wenn ein Spiritual versucht, Menschen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten. Und sie wird augenscheinlich, wenn ein frommer Generalvikar sich an seinen Schreibtisch setzt, Akten liest und sich müht, die Geschicke seiner Diözese zu koordinieren.

Dir, lieber Alfons, ganz persönlich: Vergelt’s Gott, dass Du Dich 18 Jahre – bis zur Volljährigkeit – dieser Spannung als Generalvikar gestellt hast für unsere Kirche in Paderborn und für das seit 2000 Jahren anbrechende Reich Gottes!

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