Ein frommer Generalvikar, zumindest stellt es sich ein Spiritual so vor, spürt sie immer wieder, vielleicht sogar täglich: die Spannung, die besteht zwischen der Klarheit und der Schönheit und der Gradlinigkeit der Botschaft Jesu vom Reich Gottes und der Kompromisshaftigkeit, den Verschattungen, der Unvollkommenheit unseres Kircheseins.
Am Morgen geht ein frommer Generalvikar in ein Kloster und feiert recht früh Eucharistie mit Ordensschwestern und einigen Gläubigen. Er verkündet das Wort Gottes, vielleicht einige Verse aus dem Hohepriesterlichen Gebet Jesu aus dem Johannesevangelium: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,21) Dann legt er vielleicht diese Verse in einigen Worten aus, führt sie sich selbst und den Gläubigen vor Augen.
Nach der Eucharistiefeier wird kurz gefrühstückt. Dann geht er in sein Büro. Er setzt sich an seinen großen Schreibtisch und da liegen sie: die Akten, die Vorlagen, die Briefe und die emails. Und fast alle rufen ihm ins Bewusstsein, wie kompliziert es heute ist, als Kirche von der Botschaft Jesu Zeugnis abzulegen in der Welt. Manchmal, wenn eine Akte mit einem besonders schweren Inhalt durchgearbeitet werden muss, da scheint es sogar fast unmöglich zu sein, als Kirche die Botschaft von der Liebe Gottes authentisch zu bezeugen.
Wenn ich mir dies vorstelle als jemand, der nicht in dieser Form mit solchen Vorgängen vertraut ist, dann frage ich mich: Wie lebt man solch eine Spannung? Wie erträgt man sie? Wie kann man der Realität ins Auge sehen, ohne den Glauben zu verlieren, den Glauben an die Kirche, den Glauben an die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, vielleicht sogar den Glauben an die Menschen und an Gott und sein anbrechendes Reich in der Welt?