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© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn
© Tobias Schulte / Erzbistum Paderborn

Brennende Fragen für die Zukunft der Kirche

Über 1.000 Menschen beteiligen sich an zwei Podiumsdiskussionen zu kritischen Kirchenthemen

Der Gesprächsbedarf ist gerade groß in der katholischen Kirche, die Unsicherheit, die Trauer, die Wut und das Verlangen nach Antworten ebenso. Um all dem einen Raum zu geben, hatte das Erzbistum Paderborn am Donnerstag zu zwei Online-Podiumsdiskussionen eingeladen. Eine Veranstaltung am Nachmittag richtete sich speziell an Mitarbeitende, eine zweite am Abend an alle Interessierten. Kamen am Nachmittag 460 Personen zusammen, folgten am Abend fast 1.000 Frauen und Männer der Einladung.

Im Zentrum standen die beiden Themen, die nicht neu sind, aber aktuell besonders stark die Schlagzeilen bestimmen: die Frage nach der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und dem Umgang mit den Betroffenen, die durch die Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum München-Freising neue Brisanz erhielt. Und die Initiative #OutInChurch, bei der sich 125 Mitarbeitende in der katholischen Kirche als queer outeten und damit den Blick auf ihre arbeitsrechtlich unsichere Situation und andauernde Diskriminierungen lenkten.

Mehr als 1.000 Fragen eingereicht

Wie sehr die Menschen im Erzbistums Paderborn gerade mit ihrer Kirche beschäftigt sind, zeigten die Fragen, die sie im Vorfeld der Podiumsdiskussionen einreichen konnten. Gut 1.000 Fragen kamen bei der Kommunikationsabteilung im Generalvikariat an, wo man sie aufgrund zahlreicher Überschneidungen zu Fragenkomplexen bündelte. Aufgrund der Masse konnte nur ein Teil davon im Rahmen der Podiumsdiskussionen zur Sprache kommen. Trotzdem wurden alle Fragen von der Bistumsleitung sowie einigen fachlich verantwortlichen Abteilungen beantwortet: Der gesamte Katalog inklusive Antworten steht online zur Verfügung.

Vielfältige Themen am Nachmittag

In der Nachmittagsdiskussion griff Moderatorin Kerstin von der Linden jene Fragen auf, die Mitarbeitende eingereicht hatten. In diesen ging es dann inhaltlich nicht nur um #OutInChurch und die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, da hierfür nur abends externe Gesprächspartner sowie Generalvikar Alfons Hardt zur Verfügung standen. Viele Beschäftigte hatten insbesondere Fragen zu grundsätzlichen Kirchen-Themen, die gerade beim Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland behandelt werden. Dazu zählten etwa der Pflichtzölibat oder die Bedeutung kirchlicher Sexualmoral.

Dass es bei allen drängenden Fragen wichtig sei, Räume zu schaffen, um reden zu können und einander zuzuhören, sagte Prälat Thomas Dornseifer, Leiter des Bereichs Pastorales Personal. „Es geht darum, miteinander einen Weg in die Zukunft zu finden. Das ist eine Herausforderung, aber wir müssen das tun.“ Monsignore Dr. Michael Bredeck, Leiter des Bereichs Pastorale Dienste, bestätigte dies und fügte hinzu, dass bei allem die Freiheit der Menschen und der je persönliche Glaubensweg geachtet werden müsse. „Wenn die Konsequenz für einen Menschen der Austritt ist, dann ist das schmerzlich, muss aber akzeptiert werden.“

Metropolitankapitel positioniert sich

Eine Stellungnahme zu den jüngsten Empfehlungen des Synodalen Weges kam im Verlauf des Abends vom Metropolitankapitel. Dompropst Joachim Göbel teilte für das Kapitel mit, dass man den Handlungstext der Dritten Synodalversammlung „Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs“ eingehend beraten habe und ausdrücklich begrüße. Im Sommer werde ein Vorschlag für eine konkrete Regelung erstellt, an der auch „das diözesane Gottesvolk“ beteiligt werden solle.

Generalvikar Hardt erwartet verändertes kirchliches Arbeitsrecht im Juni

Bei der Abendveranstaltung, die allen offen stand, lag der Fokus ganz auf den Themen #OutInChurch und Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Die erste Runde, in der die Anliegen der Initiative #OutInChurch im Mittelpunkt standen, begann mit Neuigkeiten von Generalvikar Alfons Hardt. Aus einer Sitzung des Verbandsrates des VDD (Verband der Diözesen Deutschlands) brachte er den Appell an die Bischöfe mit, das kirchliche Arbeitsrecht rasch zu bearbeiten „Ich gehe davon aus, dass im Juni eine grundlegend veränderte Grundordnung des kirchlichen Dienstes von den Bischöfen beschlossen wird“, sagte er.

Was das für queere Menschen bedeutet, wurde in der weiteren Podiumsdiskussion schnell klar: Sowohl Prälat Thomas Dornseifer, Leiter der Bereichs Pastorales Personal, als auch Julia Kroker, Leiterin der Abteilung Personal im Generalvikariat, bestätigten auf Nachfrage sehr deutlich, dass die sexuelle Orientierung, ein Outing oder das Eingehen einer eingetragenen Lebenspartnerschaft kein Kriterium für die Einstellung oder Beschäftigung mehr sei. Das gelte sowohl für Gemeindereferenten- und -referenten als auch für Religionslehrerinnen und -lehrer sowie weitere Beschäftige. Und es gelte im Erzbistum Paderborn auch schon länger, was das Outing angehe und jetzt – nach einem entsprechenden Statement von Generalvikar Alfons Hardt vor wenigen Tagen – auch für das Eingehen einer Lebenspartnerschaft.

Verschiedene Perspektiven auf das Thema „Katholisch und Queer“

Maik Schmiedeler von der Initiative #OutInChurch, der als Religionslehrer an einer staatlichen Schule tätig ist, begrüßte im Gespräch die Rechtssicherheit, die die aktuellen Entwicklungen mit sich brächten. Gleichzeitig schilderte er die Angst, in der er bisher mit Blick auf seinen Beruf aufgrund seiner Lebenssituation gelebt hätte – auch wenn er selbst die Kirche stets als „freundlichen Ort“ erlebt habe.

Bemängelt wurde, dass die Entwicklungen in der katholischen Kirche zu langsam gingen. „Es ist schon so: Wir hinken überall hinterher“, sagte Nadine Mersch vom Diözesankomitee im Erzbistum Paderborn, die auch Teilnehmerin bei den Synodalversammlungen des Synodalen Weges ist. „Aber es ist besser, etwas zu tun als überhaupt nichts zu tun.“

Was junge queere Menschen über die Entwicklung der katholischen Kirche denken, schilderte Viola Hellmuth von Ohana Paderborn eindrücklich, einem Treffpunkt für queere Jugendliche: „Die jungen Menschen wünschen sich Akzeptanz und Toleranz. Sie wollen sich willkommen fühlen, aber das erleben sie bei der katholischen Kirche nicht. Da ist viel kaputt gegangen, und es wird bestimmt dauern, bis sich das wieder kitten lässt.“

An Räumen des Willkommensseins arbeitet seit Anfang des Jahres der Arbeitskreis „Queersensible Pastoral“. Indra Wanke, Leiterin des Arbeitskreises, schilderte, dass sie sich mit den Teilnehmenden des Arbeitskreises dafür einsetze, weiter für das Thema zu sensibilisieren und queere Menschen in der Kirche sichtbar zu machen. Außerdem gehe es darum, Angebote zu bündeln, die es für queere Menschen bereits gibt.

Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs als Thema der zweiten Runde

Die zweite Runde der Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn. Hier gab Thomas Wendland, Interventionsbeauftragter des Erzbistums, zunächst Einblick in das, was er im Rahmen seiner Arbeit erlebe: „Ich bin schockiert davon, was Kinder erleben mussten – gerade als Familienvater, der selbst Kinder hat“, sagte er. Vor diesem Hintergrund wünsche er sich, dass die Kirche konsequent die Perspektive der Betroffenen einnehme und ihnen auf Augenhöhe begegne. Ein weiterer Wunsch sei es, dass es gelinge, mit den Betroffenen im Dialog zu bleiben.

Nadine Mersch gab Einblick in die Beratungen des Synodalen Weges zu dieser Thematik und beschrieb, wie wertvoll die Einbeziehung von Mitgliedern des Betroffenenbeirates seit Februar 2021 gewesen sei. Es sei beeindruckend, wie intensiv die Betroffenen am Synodalen Weg mitarbeiteten. „Da ist viel Mut erkennbar!“, sagte sie.

Wichtig war den Teilnehmenden des Podiums auch die Botschaft, dass das Erzbistum an vielen Stellen mit unabhängigen Kommissionen zusammenarbeite. Dazu zählten etwa die Einbindung der unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen, die Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung und auch umfängliche Offenlegungen gegenüber den Staatsanwaltschaften. Wichtiger nächster Schritt werde die Einrichtung der Aufarbeitungskommission sein. Generalvikar Alfons Hardt wies darauf hin, dass diese von Seiten des Erzbistums vorbereitet sei, dass man aber noch auf die Benennung der Vertreter des Landes NRW warte.

Chat, Hotline und E-Mail-Begleitung

Parallel zu den Podiumsdiskussionen entspannen sich im Online-Chat lebhafte Diskussionen. Viele nutzten den Chat, um ihrem Frust, ihrem Ärger und ihrer Ungeduld Ausdruck zu verleihen. Neben Dankbarkeit und Lob für die Entwicklungsschritte gab es auch viel Kritik an dem langsamen Fortschritt in den brennenden Fragen. Weitere Schritte, unter anderem in Sachen Geschlechtergerechtigkeit, wurden eindringlich gefordert. Zusätzlich zu Podiumsdiskussion und Chat hatte das Erzbistum eine Telefon-Hotline freigeschaltet, an der mehrere Mitarbeitende aus dem Bereich Pastorale Dienste für Gespräche zur Verfügung standen. Eine E-Mail-Begleitung war eine weitere Möglichkeit, mit dem Erzbistum Kontakt aufzunehmen.

Ein Beitrag von:
© Besim Mazhiqi/Erzbistum Paderborn
Redaktion

Dr. Claudia Nieser

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