Gemeinden anderer Muttersprachen sind seit vielen Jahrzehnten Teil des kirchlichen Lebens im Erzbistum Paderborn. Sie bringen eigene Sprachen, Traditionen und Formen des Glaubens ein. Bei der laufenden Pastoraltransformation stellt sich die Frage, wie diese Vielfalt künftig noch stärker als gemeinsamer Reichtum sichtbar werden kann. Gleichzeitig entstehen durch die Immobilienstrategie neue Fragen rund um Räume, Nutzung und Zusammenarbeit. Dabei geht es nicht nur um Gebäude, sondern um die grundlegende Frage: Wie kann die Kirche unter veränderten Bedingungen gemeinsam gestaltet werden? Aus Sicht von Konrad J. Haase, Teamleiter Gemeinden anderer Muttersprache im Erzbischöflichen Generalvikariat, sind diese Gemeinden ein wichtiger Bestandteil der Kirche vor Ort. Ihr Wirken könne für den laufenden Entwicklungsprozess eine Chance sein.
„Weltkirche findet längst vor Ort statt“
Herr Haase, wenn wir von Gemeinden anderer Muttersprachen sprechen: Was genau ist damit gemeint?
Der Begriff beschreibt zunächst einmal Gemeinden, in denen Menschen ihren Glauben in einer anderen Sprache als Deutsch leben. Dabei geht es um eine Form kirchlichen Lebens, in der Menschen ihren Glauben in einer anderen Sprache und oft mit eigenen kulturellen Ausdrucksformen feiern, welche sie aus ihrem jeweiligen Herkunftsland mitgebracht haben. Häufig wird zunächst an Menschen gedacht, die neu nach Deutschland gekommen sind. Das greift aber zu kurz. Viele dieser Gemeinden bestehen schon seit Jahrzehnten. Manche Menschen leben hier bereits in der dritten oder vierten Generation, haben aber weiterhin eine starke Verbindung zu ihrer Sprache, ihrer Kultur und ihrer religiösen Tradition. Gleichzeitig gibt es auch Menschen, die nur für eine begrenzte Zeit hier leben, z.B. Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Menschen, die beruflich nach Deutschland kommen oder hier hin geflüchtet sind. Die Lebenssituationen sind also sehr unterschiedlich. Genau diese Vielfalt macht das Thema aus.
Warum ist die eigene Sprache für den Glauben so wichtig?
Die eigene Sprache ist nicht nur ein Mittel zur Verständigung. Sie ist oft tief verbunden mit der eigenen Lebensgeschichte. Viele Menschen verbinden mit ihrer Muttersprache bestimmte Glaubenserfahrungen: erste Gebete, religiöse Feste, Traditionen aus der Familie oder Erfahrungen aus der Gemeinde im Herkunftsland. Wenn Menschen ihren Glauben in dieser Sprache feiern können, schafft das Vertrautheit und Zugehörigkeit. Im Erzbistum Paderborn werden so an über 72 Orten Gottesdienste in den vielen Sprachen gefeiert. Natürlich geht es nicht darum, dass Menschen nur in ihrer eigenen Sprache Kirche erleben können. Aber die Möglichkeit, den Glauben in der Sprache auszudrücken, die einem besonders nahe ist, kann eine große Bedeutung haben, die eigene Identität stärken und Kraft für den Alltag geben.
Was bedeutet der Begriff „Weltkirche vor Ort“?
Wir sprechen häufig von Weltkirche, wenn wir an internationale Begegnungen oder Partnerschaften denken. Aber eigentlich erleben wir Weltkirche längst direkt vor unserer Haustür. Menschen verschiedener Herkunft, Kulturen und Sprachen leben ihren Glauben gemeinsam im Erzbistum Paderborn. So bereichern viele engagierte Gemeindemitglieder aus den Gemeinden anderer Muttersprachen die pastorale Arbeit mit ihren vielfältigen Begabungen, interkulturellen Kompetenzen und internationalen Erfahrungen. Manchmal sind diese Mitglieder auf unterschiedliche Weise in den Territorialgemeinden aktiv. Diese Vielfalt ist eine Realität. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Natürlich ist das auch eine Herausforderung. Verschiedene Erfahrungen, Traditionen und Erwartungen treffen aufeinander. Aber darin liegt auch eine große Chance. Wir können entdecken, dass die Kirche vielfältig und gleichzeitig verbunden ist.
Sind Gemeinden anderer Muttersprachen eigene Sonderstrukturen?
Nein. Gemeinden anderer Muttersprachen sind nicht eine zusätzliche Kirche neben der Kirche. Sie sind Teil der katholischen Kirche im Erzbistum Paderborn. Je nach Ort sind sie unterschiedlich organisiert. Manche haben ihren Schwerpunkt stärker im Bereich der Gottesdienste. Andere bilden die ganze Bandbreite kirchlichen Lebens ab: Katechese, Jugendgruppen, Gebetsgruppen, Gemeinschaftsangebote und soziale Aktivitäten. Im Grunde findet man vieles wieder, was auch klassische Pfarreien auszeichnet: Liturgie, Verkündigung, Gemeinschaft und Dienst am Menschen. Der Unterschied ist, dass diese Gemeinden häufig stärker über Sprache und ihre Kulturen verbunden sind – mit der Gemeinde verbinden sie einen identitätsstiftenden Moment.
Welche Rolle spielen Gemeinden anderer Muttersprachen im Transformationsprozess?
Der Transformationsprozess betrifft alle Gläubigen. Es geht darum, wie Kirche künftig unter veränderten Bedingungen gestaltet werden kann. Dabei dürfen Gemeinden anderer Muttersprachen nicht nachträglich betrachtet werden. Sie gehören von Anfang an dazu. Ein wichtiger Schritt ist deshalb die Bestandsaufnahme im Rahmen des Transformationsprozesses: Welche Gemeinden gibt es vor Ort? Welche Sprachen und Traditionen sind präsent? Welche Menschen gestalten kirchliches Leben? Wenn wir wissen, wer da ist, können wir gemeinsam überlegen, wie Zukunft aussehen kann.
Was bedeutet „gemeinsam Kirche in neuen Räumen“?
Es bedeutet vor allem, dass wir stärker vom Nebeneinander zum Miteinander kommen müssen. Gemeinden anderer Muttersprachen sind keine Gäste innerhalb der Kirche. Sie sind selbstverständlicher Teil dieser Kirche. Gleichzeitig bedeutet gemeinsames Kirche-Sein auch, Verantwortung miteinander zu teilen. Es geht nicht darum, dass eine Gruppe ihre Identität aufgibt. Unterschiedliche Traditionen sollen erhalten bleiben und können die Gemeinschaft bereichern. Aber wir müssen stärker schauen: Was können wir auch gemeinsam tun? Was kann in mehreren Sprachen angeboten oder durchgeführt werden? Es zeigt sich, dass bei beispielsweise Fronleichnamsprozessionen die Vielsprachigkeit gut aufgenommen und eingebunden werden. In Bielefeld oder Siegen hat sich dies beispielsweise schon über mehrere Jahre eingespielt. Auch in der Fastenzeit zeigt sich beispielsweise in Dortmund, wie einige Gemeinden anderer Muttersprachen zusammen den Kreuzweg in unterschiedlichen Sprachen anbieten. Was am Anfang herausfordernd erscheint, kann nach einem ersten Versuch zu einer wunderbaren, gemeinsamen Glaubenspraxis werden.
Was bedeutet Gleichwertigkeit in diesem Zusammenhang?
Gleichwertigkeit bedeutet nicht, dass alle Situationen identisch sind. Unterschiedliche Gemeinden haben unterschiedliche Voraussetzungen, Aufgaben und Bedarfe. Eine große territoriale Gemeinde mit eigenen Gebäuden steht vor anderen Fragen als eine Gemeinde anderer Muttersprachen, die Räume nutzt. Darüber hinaus benötigen auch die Gemeinden anderer Muttersprachen einer ihrer Größe und ihrem pastoralen Engagement entsprechende Ausstattung, um ihren pastoralen Auftrag wirksam wahrnehmen zu können. Entscheidend ist, fair und transparent miteinander umzugehen und die jeweiligen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Warum ist die Frage nach Räumen besonders sensibel?
Ein Kirchenraum ist mehr als ein Gebäude. Natürlich ist eine Kirche zunächst ein Ort für Gottesdienste. Aber sie ist auch verbunden mit Erinnerungen, Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Wenn Menschen dort über Jahre oder Jahrzehnte ihren Glauben leben, entstehen Beziehungen zu diesem Ort. Gerade für Gemeinden anderer Muttersprachen ist das wichtig. Sie besitzen in der Regel keine eigenen Immobilien. Häufig nutzen sie Räume territorialer Kirchengemeinden über Miet- oder Nutzungsvereinbarungen. Veränderungen bei Gebäuden betreffen sie deshalb unmittelbar.
Bedeutet die Immobilienstrategie, dass Gemeinden anderer Muttersprachen Räume verlieren werden?
Die Immobilienstrategie ist keine Frage, die nur Gemeinden anderer Muttersprachen betrifft. Sie betrifft die gesamte Kirche. Es geht nicht darum, Gemeinden anderer Muttersprachen grundsätzlich eigene Orte zu nehmen oder ihre Bedeutung über Raumfragen zu definieren. Vielmehr stellt sich die grundsätzliche Frage: Welche pastoralen Orte brauchen wir künftig? Wie können vorhandene Ressourcen sinnvoll genutzt werden? Und wie können Gemeinden – in den vielen Sprachen – unter veränderten Bedingungen weiterhin gut leben? Das Ziel ist, gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Welche Lösungen kann es geben?
Es wird nicht überall dasselbe Modell geben. Manchmal kann eine gemeinsame Nutzung eine gute Lösung sein. So wird es bereits auch an vielen Orten im Erzbistum Paderborn praktiziert. An anderen Orten braucht es andere Wege. Ein Kirchengebäude kann von verschiedenen Gemeinden genutzt werden, wie es beispielsweise die Territorialgemeinde von St. Michael Dortmund-Lanstrop zusammen mit der Kroatisch Katholischen Mission Dortmund gut praktiziert. Nicht nur zeitlich hintereinander, sondern auch durch gemeinsame Projekte und Begegnungen. Ein mögliches Bild dafür: Ein Ort, mehrere Gemeinden: Eine Kirche wird von unterschiedlichen Gemeinden genutzt. Menschen feiern ihre eigenen Gottesdienste, lernen sich kennen, entwickeln gemeinsame Projekte und entdecken, dass aus verschiedenen Traditionen etwas Neues entstehen kann.
Welche Bedeutung haben internationale Zentren?
Internationale Zentren könnten – je nach örtlicher Situation – eine Möglichkeit sein, verschiedene sprachliche und kulturelle Angebote stärker zu verbinden und Begegnung zu fördern. Dabei geht es nicht um eine Sonderstruktur neben der Kirche, sondern um Orte, an denen sichtbar wird, was längst Realität ist: Die katholische Kirche ist vielfältig.
Wie gelingt Beteiligung in diesen Prozessen?
Beteiligung bedeutet nicht nur, Menschen zu informieren. Es bedeutet, Perspektiven wahrzunehmen, miteinander ins Gespräch zu kommen und diese in Entscheidungen einzubeziehen. Gleichzeitig bedeutet Beteiligung nicht, dass jede Entscheidung einstimmig getroffen werden kann. Kirche lebt auch davon, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen transparent und nachvollziehbar zu gestalten. Ein grundsätzlich positives Beispiel von Beteiligung auf Bistumsebene ist der neu zusammengesetzte Diözesanpastoralrat, dem nun auch zwei Mitglieder aus den Gemeinden anderer Muttersprache angehören.
Was braucht es, damit gemeinsamer Raum wirklich gelingt?
Es braucht vor allem Begegnung. Oft entstehen Vorbehalte nicht aus Ablehnung, sondern aus fehlender Kenntnis. Wenn Menschen sich kennenlernen, miteinander feiern und miteinander arbeiten, verändert sich vieles. Es geht nicht nur darum, dass verschiedene Gruppen denselben Raum nutzen. Es geht darum, gemeinsam Kirche zu gestalten. Dazu gehört auch die bewusste Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Ausgrenzung. Eine Kirche, die weltumspannend ist, muss sich aktiv gegen jede Form von Abwertung und Rassismus stellen und sich immer wieder dagegen einsetzen.
Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Ich wünsche mir, dass wir ein selbstverständlicheres Miteinander entwickeln. Dass Menschen nicht zuerst fragen: „Was macht die andere Gruppe anders?“, sondern auch: „Was können wir voneinander lernen?“ Die Vielfalt der Kirche ist eine große Chance. Dafür braucht es Offenheit, gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, gemeinsam neue Wege zu gehen. Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht nur, was müssen die anderen tun, sondern auch, was können wir selbst dazu beitragen, dass Menschen sich hier selbstverständlich zugehörig und zuhause fühlen.
Beim Libori-Fest findet in diesem Jahr zum ersten Mal der Internationale Gottesdienst der Gemeinden anderer Muttersprachen und der katholischen Ostkirchen statt. Was bedeutet dieser Gottesdienst für Sie?
Der Internationale Gottesdienst ist für mich ein besonders schönes Zeichen dafür, dass Weltkirche nicht etwas Abstraktes ist, sondern mitten unter uns gelebt wird. Menschen aus vielen Ländern, unterschiedlichen Sprachen und verschiedenen liturgischen Traditionen feiern gemeinsam ihren Glauben. Gerade diese Vielfalt macht sichtbar, was katholische Kirche ausmacht. Ich freue mich deshalb sehr, wenn viele Menschen aus dem gesamten Erzbistum diesen Gottesdienst mitfeiern. Wer erleben möchte, worüber wir heute gesprochen haben, bekommt dort einen sehr konkreten Eindruck davon, wie bereichernd das Miteinander verschiedener Kulturen und Traditionen sein kann.
Weitere Informationen
Im Erzbistum Paderborn leben zahlreiche katholische Christinnen und Christen, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben oder mehrsprachig aufgewachsen sind. Die Gemeinden anderer Muttersprache sowie die Gemeinden der katholischen Ostkirchen sind ein lebendiger Ausdruck der Weltkirche vor Ort. Sie feiern Gottesdienste, spenden die Sakramente und gestalten das kirchliche Leben in unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Traditionen. Angebote gibt es unter anderem in Albanisch, Arabisch, Armenisch, Blin, Englisch, Französisch, Italienisch, Kroatisch, Malayalam, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Spanisch, Tamilisch, Tigrinya, Ukrainisch, Ungarisch und Vietnamesisch. Einen Überblick über die Gemeinden, Gottesdienstorte, Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sowie weitere Informationen finden Sie unter: www.erzbistum-paderborn.de/einrichtungen-gemeinden/gemeinden-anderer-muttersprache.