Lippstadt. Wie lässt sich ein Gotteshaus und das lebendige Miteinander in der Gemeinde erhalten, wenn die Bänke leerer und die finanziellen Mittel knapper werden? Die Pfarrei St. Joseph im Süden von Lippstadt steht – wie viele Gemeinden im Erzbistum Paderborn – vor tiefgreifenden demografischen und strukturellen Veränderungen. Im Zuge des diözesanen Immobilienprozesses muss sich die Gemeinde mittelfristig von ihrem Pfarrhaus und dem vielgenutzten Jugendheim Jupp trennen. Doch statt zu resignieren, begreift man vor Ort den Wandel als Chance. Unter dem Titel „St. Joseph 2026 – Raum für Wandel“ hat die Kirchengemeinde ein wegweisendes Projekt gestartet, das die Architektur des Kirchenraums neu denkt.
Kirche der Zukunft: St. Joseph wagt gemeinsam den „Raum für Wandel“
Ein starkes Tandem: Vision und ehrenamtliche Tatkraft
Die Idee, den denkmalgeschützten Sakralraum zukünftig hybrid und multifunktional zu nutzen, wurde von Vikar Jonathan Berschauer initiiert. Die Vision sieht einen ggf. mehrstöckigen, eigenständigen Einbau im bestehenden Kirchenschiff vor, der einen klaren jugendpastoralen Schwerpunkt setzt und auch als Ort der Gemeinschaft fungiert.
Neben der Ortsgemeinde St. Joseph nutzen schon heute die kroatische Gemeinde sowie die Gemeinschaft „StartUpPrayer“ – ein lebendiges Netzwerk für Jugendliche und junge Erwachsene – die Räumlichkeiten intensiv und prägen das bunte Leben vor Ort.
Dass dieses visionäre Konzept auf festem Fundament steht, ist der engen Zusammenarbeit innerhalb der Gemeinde zu verdanken: Peter Brannekemper vom Kirchenvorstand treibt das Vorhaben maßgeblich voran und sichert die organisatorische wie praktische Umsetzung. Eng an seiner Seite steht der Männerkreis der Gemeinde, der das Projekt von Beginn an mit tatkräftiger Hilfe und großem Engagement unterstützt. So wird die Transformation zu einem echten Gemeinschaftswerk von Seelsorge und Ehrenamt.
Wissenschaft trifft Spiritualität: Die gemeinsame Ortsbegehung
Für eine architektonische Ideenfindung setzt die Gemeinde auf hochkarätige Unterstützung aus der Wissenschaft. In einer intensiven Kooperation mit der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) / Detmolder Schule für Gestaltung erarbeiten derzeit rund 60 Studierende der Architektur in einer Semesterarbeit rund 30 konkrete Entwürfe. Begleitet und wissenschaftlich geleitet wird das studentische Projekt von Prof.’in Stephanie Stratmann (Fachgebiet Konstruieren & Entwerfen) und ihrem Kollegen Prof. Manfred Lux (Baustoffe & Baukonstruktion).
Der Startschuss für die kreative Phase fiel vor Ort in Lippstadt: Bei einer gemeinsamen, intensiven Ortsbegehung nahmen die Lehrenden und Studierenden den neoromanischen Prachtbau genau unter die Lupe. Ein zentraler Baustein dieses Auftakts war ein theologischer Fachvortrag von Vikar Berschauer über „Die geistliche Dimension von Kirchenarchitektur“. Darin vermittelte er den angehenden Architekten die tiefe Symbolik des Raumes – vom bewussten Durchschreiten der Pforte über die Weite des Hauptschiffs bis hin zum Altar als Herzstück.
Das Gotteshaus bleibt im Zentrum
Dieser geistliche Impuls setzte den entscheidenden Rahmen für die gesamte Planung: St. Joseph soll und wird primär ein Gotteshaus bleiben. Gesucht wird eine „Architektur des Respekts“. Während das Langhaus durch den flexiblen Einbau zum lebendigen Ort profaner Gastfreundschaft (mit Café, Mediathek und Gruppenräumen) wird, bleiben Querhaus und Chorraum als „Ort des Heiligen“ in ungestörter, christozentrischer Ruhe exklusiv für Gebet und Liturgie herausgenommen. Das Neue berührt das Alte mit maximalem Respekt, sodass die spirituelle Würde des Sakralraums und die Hinordnung auf Gott zu jedem Zeitpunkt spürbar bleiben.
Öffentliche Ausstellung am 12. und 13. September
Welche kreativen Lösungen die Studierenden auf dieser theologischen Basis gefunden haben, entscheidet sich in einem mehrstufigen Verfahren bis Ende August 2026. Eine interdisziplinäre Fachjury – besetzt mit Vertretern der Gemeinde, des Erzbistums und weiteren Experten – filtert die zehn vielversprechendsten Konzepte heraus. Diese Teams dürfen ihre Ideen im dynamischen, bildstarken „Pecha-Kucha-Format“ präsentieren.
Ein wichtiger erster Schritt folgt am Wochenende des 12. und 13. September 2026: Pünktlich zum Tag des offenen Denkmals öffnet St. Joseph die Türen für eine große öffentliche Ausstellung, in der die Entwürfe und Modelle präsentiert werden. Die Gemeinde und alle interessierten Lippstädter sind ausdrücklich dazu eingeladen, die Entwürfe vor Ort zu diskutieren.
Ideen-Brainstorming als Basis für spätere Entwürfe
Wichtig ist der Gemeinde zu betonen, dass dieser studentische Ideenwettbewerb noch nicht die finale Entscheidung für eine konkrete bauliche Umsetzung darstellt. Vielmehr handelt es sich um ein kreatives Ideen-Brainstorming, aus dem innovative Detaillösungen und konzeptionelle Ansätze in die spätere Realisierungsplanung einfließen können. Ein begleitendes Public Voting, bei dem die Besucher der Ausstellung Rückmeldungen geben können, bezieht sich daher ganz auf diese erste konzeptionelle Phase. Die feierliche Prämierung der besten studentischen Ideenvorschläge findet schließlich Ende September statt.
Es geht in St. Joseph um weit mehr als nur um Quadratmeter. Gezeigt wird ein mutiges Modell dafür, wie kirchliche Orte im Umbruch ihr spirituelles Profil bewahren und sich gleichzeitig zu offenen, zukunftsfähigen Häusern für Kultur, Jugend und soziales Miteinander wandeln können.