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18
Dezember
2019
18.Dezember.2019

Warum sich ein werteorientierter Fortschritt durchsetzt

Kirche & Digitalisierung: Interview mit CDO Christiane Boschin-Heinz

Die Digitalisierung umfasst längst alle Lebensbereiche. Deswegen lohnt sich innerhalb der Serie “Kirche & Digitalisierung” auch ein Blick, der vom Kirchturm weggeht. Was verändert sich im alltäglichen Leben? Wie versucht die Stadt Paderborn, die Möglichkeiten der digitalen Welt zu nutzen? Wir haben darüber mit Christiane Boschin-Heinz gesprochen. Sie leitet als Chief Digital Officer die Stabstelle Digitalisierung der Stadt Paderborn. Boschin-Heinz ist 42 Jahre alt und Mutter zweier Kinder. Nach dem Jura-Studium in Trier und dem Referendariat in Koblenz ist sie nach Stationen beim Bundestag in Berlin, dem Landeskriminalamt in Mainz und der Staatsanwaltschaft in Koblenz in ihre Heimat Paderborn zurückgekehrt.

Redaktion

Sie sind Chief Digital Officer (CDO) der Stadt Paderborn. Klingt ganz schön wichtig. Ist es der Beruf auch?

Christiane Boschin-Heinz

Die Sache ist wichtig – an dem Thema arbeiten gemeinsam mit mir viele Kolleginnen und Kollegen der Stadtverwaltung. Die Digitalisierung verändert unser Leben in unbegreiflicher Geschwindigkeit. Sie verändert, wie wir arbeiten, wie wir kommunizieren, wie wir leben. Unsere Aufgabe ist es, diesen großen Veränderungsprozess zu begleiten. Bei der Digitalisierung der Städte hat der Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt zu stehen, nicht die Technologie um ihrer selbst willen.

Der Begriff der Digitalisierung ist in den unterschiedlichen Kontexten nicht klar definiert und viel zu komplex. Dennoch wird er so oft benutzt, dass viele ihn schon nicht mehr hören können. Für einige ist Digitalisierung auch ein Schreckgespenst.

Redaktion

Was ist ihre Botschaft gegen das Schreckgespenst Digitalisierung?

Boschin-Heinz

Die Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen werden, sind groß und im Einzelnen nicht zu überblicken. Aber Angst ist da kein guter Berater. Wir können und müssen die Digitalisierung mitgestalten, sowohl in der Arbeitswelt als auch unser Nutzerverhalten im Privaten. Und wir müssen sie klug angehen. Wenn analoge Abläufe gut und sinnvoller sind, dann müssen sie nicht zwangsweise durch digitale ersetzt werden.

Redaktion

Wo taucht Kirche für Sie schon digital auf?

Boschin-Heinz

Ich informiere mich gelegentlich online über das Gottesdienstangebot oder Angebote für Kinder und Familien.

Redaktion

Ist das in Ordnung so, oder vermissen Sie etwas?

Boschin-Heinz

Manchmal fehlt es an der Übersichtlichkeit und Vollständigkeit von Informationen. Es wäre schön, wenn man auf einen Klick sehen könnte, zum Beispiel welche besonderen Angebote es in den Paderborner Innenstadtgemeinden für Familien gibt. Kirche ist noch sehr analog und das sollte sie in vielen Bereichen auch bleiben. Es geht um menschliche Begegnung – die kann man nicht digital ersetzen, allenfalls begleiten. Das Streamen von Gottesdiensten für ältere oder kranke Menschen gerade aus ihren Heimatgemeinden wäre aber sicherlich ein gutes Angebot für mehr Teilhabe.

Gottesdienste im Erzbistum Paderborn suchen

Mit der Gottesdienstsuche des Erzbistums Paderborn können Sie Informationen dazu finden, wann in Ihrer Gemeinde der nächste Gottesdienst gefeiert wird. Dafür geben Sie die Postleitzahl oder den konkreten Ort ein und finden die Termine der Pfarreien.

 

Redaktion

Sie sind 42 Jahre alt. Woran in der digitalen Welt mussten sie sich erst gewöhnen?

Boschin-Heinz

Eine Herausforderung ist die zunehmende Geschwindigkeit bei der Arbeit. Früher schrieb man einen Brief und wartete dann auf eine Antwort. Jetzt schickt man eine Mail und hat innerhalb von einer Minute eine Antwort. Obwohl ich ein Mensch bin, der gern optimiert, zielorientiert und schnell arbeitet, merke ich, dass man immer wieder versuchen muss, ganz bewusst diese Geschwindigkeit auch rausnehmen muss. Das ist nicht einfach, aber wichtig für die Qualität der Arbeit und auch für die eigene Gesundheit.

Redaktion

Welche Projekte laufen gerade schon, die das Leben in Paderborn erleichtern können?

Boschin-Heinz

Beim Pilotprojekt „Schlosskreuzung“ in Schloß Neuhaus arbeiten Wissenschaft, Wirtschaft und Stadt zusammen. Dort werden in Echtzeit anonymisiert Verkehrsdaten erfasst und ausgewertet: Wie viel Busse fahren zu welcher Zeit? Wie viel Fußgänger, wie viel Radfahrer? Das Heinz-Nixdorf-Institut entwirft dazu ein Simulationsmodell, mit dessen Hilfe man perspektivisch in Echtzeit die Ampeln steuern möchte.   Sind gerade viele Fußgänger an der Ampel, benötigen diese kurzfristig eine Grünphase. Mit Hilfe von Algorithmen können dann datenbasiert Prognosen getroffen werden, wie sich die Verkehre zu bestimmten Tageszeiten entwickeln.

Redaktion

Was sind langfristig ihre Ziele?

Boschin-Heinz

Langfristige Ziele, die unter anderem mit der Digitalisierung unterstützt werden sollen, sind Themen wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Im Bereich der Mobilität können on demand Verkehre insbesondere für das Umland dazu führen, dass der ÖPNV stärker genutzt und der Privat-PKW häufiger stehen gelassen wird.

Im Bereich Energie läuft gerade ein Projekt, bei dem eine digitale Ortsnetzstation entwickelt wird. Die ermöglicht es, die Energie intelligent zu steuern, dass z.B. die Energie, die in einem Wohngebiet entsteht – zum Beispiel aus Fotovoltaik – dort verbleibt und Überschüsse ins Netz eingespeist werden.

Redaktion

Welche Herausforderungen tauchen bei den Projekten auf?

Boschin-Heinz

Die Herausforderungen sind nicht immer technologischer Art. Oft sind es gerade im öffentlichen Dienst rechtliche Rahmenbedingungen: rechtskonforme Abwicklung von Förderprogrammen oder auch die rechtlich einwandfreie Vergabe einer innovativen Leistung, die oft zu Beginn gar nicht definiert beschrieben werden kann.

Der Gesetzgeber muss zukünftig immer schneller auf Veränderungen auch technologischer Art reagieren. Es ist nicht einfach, technologische Entwicklungen vorauszusagen bzw. ihre Auswirkungen, so dass die passenden Gesetze entwickelt werden können. Diese Fragen interessieren mich als Juristin sehr. Bei derartigen großen gesellschaftlichen Veränderungen, wie die Digitalisierung eine darstellt, wird es rechtlich auch immer Unsicherheiten geben.

Redaktion

Wie können Sie das aushalten?

Boschin-Heinz

Mit Ruhe, ab und an tiefem Durchatmen und einem positiven Blick auf die Dinge! Natürlich brauchen wir auch schnelle Erfolge, diese werden eingefordert und es ist wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger erleben, was die Digitalisierung in Städten bedeuten.

Wir sollten uns nicht durch Nachrichten in Hektik versetzen lassen, dass Länder wie China oder Amerika in der Digitalisierung deutlich weiter sind. Ich bin überzeugt, dass wir mit Überlegtheit und auf Grundlage unserer Werte einen besseren Fortschritt für den Menschen erreichen. Dieser werteorientierte Fortschritt wird sich langfristig durchsetzen.

Vor einigen Wochen haben wir für die Stadt Paderborn einen Ethikrat gegründet, der die Akteure im Bereich der Digitalisierung sensibilisieren und in konkreten Projekten beraten wird.

Redaktion

Wo sehen Sie für Kirche Chancen der Digitalisierung?

Boschin-Heinz

Wir sind mit der Kirche im Austausch dazu, wie zum Beispiel das Ehrenamt mithilfe von digitalen Technologien unterstützt werden kann. Mit Hilfe von Apps kann ehrenamtliche Tätigkeit mehr Sichtbarkeit bekommen. Digitale Technologien können helfen, administrative Dinge für die aktiven Ehrenamtler zu vereinfachen, so dass Ehrenamtliche mehr Zeit für ihre eigentliche, ehrenamtliche Tätigkeit – meist ja beim Menschen – haben.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Tobias Schulte.

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