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31
Oktober
2019
31.Oktober.2019

So entsteht ein Pastoraler Raum

Die Landschaft der Seelsorge im Erzbistum Paderborn verändert sich. Diese Entwicklung ist in vielen Orten schon deutlich spürbar, wenn sich neue pastorale Räume bilden oder vormals selbständige Pfarreien zu einer neuen „Großpfarrei” oder Gesamtpfarrei fusionieren. Tobias Heinrich ist in der Hauptabteilung Pastorale Dienste für die „Pastorale Planung und Entwicklung” zuständig. Mit ihm haben wir über den Weg dorthin und über einige Fachtermini gesprochen:

Redaktion

Pfarrei, Pastoralverbund, pastoraler Raum, Gesamtpfarrei – für einen Außenstehenden hört sich das ganz schön kompliziert hat. Was versteckt sich hinter den Begriffen?

Tobias Heinrich

Ja, das stimmt, es ist etwas kompliziert. Aber nicht nur für Außenstehende. Auch „Insider“ müssen genau differenzieren, wenn sie mit Begriffen arbeiten, die unterschiedliche (Rechts-)Gebilde meinen.

Die Pfarrei ist grundsätzlich eine Gemeinschaft von Gläubigen in einem bestimmten Gebiet, die vom Erzbischof auf Dauer errichtet ist. Ein Pfarrer leitet eine Pfarrei in Zusammenarbeit mit den örtlichen Gremien. Um es etwas weniger gestelzt zu formulieren: Als der Ort, wo sich kirchliches Leben abspielt, wurde bislang vor allem die Pfarrgemeinde gesehen. Das Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn sieht eine Weiterentwicklung dieses Gemeindeverständnisses vor. Neben die Pfarreien treten so nach und nach weitere Orte und Gelegenheiten, wo Menschen ihren Glauben vertiefen, zum Glauben an Gott finden oder Gemeinschaft im Glauben erleben.

Redaktion

Und neben der Pfarrei gibt es weitere Gebilde?

Tobias Heinrich

Den Pastoralverbund kann man als Kooperationsebene der selbstständigen Pfarreien beschreiben.

Der pastorale Raum ist in diesem Zusammenhang die Fortschreibung der Pastoralverbünde. Er ist in einem ersten Verständnis identisch mit einem bestimmten Gebiet, für das ein hauptberufliches Team aus Priestern, Diakonen sowie Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten unter Leitung eines Pfarrers beauftragt wird. Der pastorale Raum besteht demnach aus einer bestimmten Zahl von Pfarreien mit einer bestimmten Zahl an Kirchen und weiteren Gebäuden, an Gruppen, Verbänden, Vereinen und Gremien. Eine Alternative dazu ist noch die Gesamtpfarrei als ein mögliches Rechtsmodell, wie ein pastoraler Raum strukturell gestaltet sein kann. Die Gesamtpfarrei wird durch eine Fusion vorher bestehender Pfarreien gebildet. Dies alles beschreibt aber zunächst nur die äußeren Merkmale.

Tobias Heinrich
Tobias Heinrich
Tobias Heinrich

Menschen leben und glauben heutzutage anders als sie es noch vor einigen Jahren getan haben. Die klassische Pfarrgemeinde alleine könnte diese gewandelten Ansprüche nicht mehr bedienen. Der Priestermangel und der Schwund an Gläubigen sind weitere Gründe. Die Einführung von Pastoralverbünden und in einem weiteren Schritt von pastoralen Räumen ist eine Reaktion auf diese Gegebenheiten.”

Redaktion

Weil es den Raum inhaltlich zu füllen gilt?

Tobias Heinrich

Bei allen rechtlichen, finanziellen und personellen Abwägungen, die Auswirkungen auf die Ge-staltung der pastoralen Räume haben, darf die pastorale Dimension nicht hintenüberkippen, sondern muss meiner Einschätzung nach das zentrale Kriterium sein. Damit meine ich z.B., dass der pastorale Raum als Erfahrungsraum für die Gegenwart Gottes angesehen wird, in dem Menschen ihre Berufungen und Potentiale einbringen können. Der pastorale Raum muss auch unter der Perspektive angeschaut werden, wer eigentlich in diesem Sozialraum wohnt. Welche Wünsche, Anliegen, Sorgen, Nöte, Glaubensthemen, Lebensthemen usw. haben die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort, auf die man als Christin und Christ eingehen kann.

Redaktion

Es hört sich also nach zwei Möglichkeiten an, die Sie bieten: Bildung eines pastoralen Raums als Pastoralverbund mit mehreren eigenständigen Pfarreien oder Bildung einer Gesamtpfarrei – kann man das so sagen?

Tobias Heinrich

Ja, das kann man genau so sagen. Aus rechtlicher Perspektive kann der pastorale Raum mehrere Formen haben: als Pastoralverbund aus rechtlich selbstständig bleibenden Kirchengemeinden mit gemeinsam organisierter Pastoral und zunehmend auch gemeinsam organisierten Gremien – oder als Gesamtpfarrei, die durch eine Fusion aus einer bestimmten Anzahl vorher bestehender Pfarreien gebildet wurde. Auch eine Kombination aus beiden genannten Modellen ist möglich.

Redaktion

Ist denn der Pastoralverbund das Auslaufmodell?

Tobias Heinrich

Nein, das kann man so nicht sagen, denn es sind viele pastorale Räume als Pastoralverbund organisiert.

Redaktion

Warum ist es überhaupt notwendig, sich von der einen, ein Dorf, einen Orts- oder Stadtteil umfassenden klassischen Pfarrgemeinde zu verabschieden?

Tobias Heinrich

Menschen leben und glauben heutzutage anders als sie es noch vor einigen Jahren getan haben. Die klassische Pfarrgemeinde alleine könnte diese gewandelten Ansprüche nicht mehr bedienen. Der Priestermangel und der Schwund an Gläubigen sind weitere Gründe. Die Einführung von Pastoralverbünden und in einem weiteren Schritt von pastoralen Räumen ist eine Reaktion auf diese Gegebenheiten.

Ich glaube aber, dass in dieser Frage ein gewisses Missverständnis auftreten kann, das ich gerne aufklären möchte, weil es zu großer Unzufriedenheit vor Ort führen kann und auch führt. In Fusionsprozessen von Pfarreien erleben wir teilweise den Wunsch, weiterhin selbstständig zu bleiben. Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Die einen haben die Sorge, dass die Gemeinde ausstirbt, die anderen haben den Wunsch, dass das Pfarrhaus auf jeden Fall wiederbesetzt wird. Die Befürchtung ist: Wir werden abgehängt und das, was uns wichtig ist, wird nicht mehr geschätzt.

Redaktion

Wie gehen Sie damit um?

Tobias Heinrich

Diese Befürchtungen werden diözesanseitig sehr ernst genommen. Aber die Aufgabe des Pfarreistatus heißt nicht, dass damit das gemeindliche Leben vor Ort aufgelöst werden soll und die Gläubigen ihre Beheimatung verlieren. Ganz im Gegenteil: Das sich Einlassen auf die Mitgestaltung des pastoralen Raumes kann neue Energien freisetzen. Denn es befreit unter anderem von der Last, die herkömmlichen pfarrgemeindlichen Aktivitäten einfach 1:1 zu übernehmen und für den viel größeren pastoralen Raum umsetzen zu wollen. Dies führt zwangsläufig zu einer Überforderung aller Beteiligten. Es bietet sich meiner Meinung nach viel mehr an, genau zu eruieren, was pastorale Schwerpunkte sein können, an welchen Stellen man miteinander kooperiert und wovon man sich verabschieden muss, auch wenn es sehr schwer fallen mag. Denn Papst Franziskus und das Zukunftsbild ermuntern ausdrücklich, den Habitus des „Es wurde schon immer so gemacht“, abzulegen.

Redaktion

Was wird aus der kleinen Gemeinde rund um einen Kirchturm, die in einer neuen Gesamtpfarrei aufgeht?

Tobias Heinrich

Meine Antwort klingt jetzt ein wenig banal, aber das liegt meiner Meinung nach in der Verantwortung der Gläubigen in dieser Gemeinde. Ich möchte ermuntern, die Möglichkeiten, die aufgrund der Weite einer Gesamtpfarrei geboten werden, auszunutzen, auch wenn ich weiß, dass die Umstellung eine große Herausforderung ist und viele Anstrengungen notwendig werden. Konkret meine ich damit zum Beispiel die Freiheit, gemeinsam mit anderen pastorale Projekte zu etablieren, zu Themen zu kooperieren und sich Schwerpunkte zu setzen. Und es ist doch ganz klar: Bewährtes soll erhalten und gepflegt werden. Allerdings braucht es dafür immer Menschen, die Verantwortung übernehmen. Und natürlich brauchen diese Veränderungsprozesse Zeit, Geduld und professionelle Unterstützung.

Shutterstock/chiangrai

Redaktion

Wie läuft denn so ein Prozess vor Ort ab? Wer wird beteiligt und wer trifft hinterher die Entscheidung?

Tobias Heinrich

Es ist gut, dass Sie die Bedeutung und die verantwortliche Arbeit der Beteiligten vor Ort ansprechen. Denn manchmal gibt es den Vorbehalt, dass das Generalvikariat bzw. der Erzbischof vorschreibt, welche Gestalt der pastorale Raum haben soll. Das passiert nur in wenigen Ausnahmefällen.

Die Prozesse vor Ort laufen unterschiedlich ab. Ich habe gerade ein Beispiel vor Augen, bei welchem sich die Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte über mehrere Jahre und nach vielen Beratungen und Expertenanhörungen für eine Struktur entschieden haben. In manchen Prozessen werden auch geistlich geprägte Pausen oder Zeiten eingelegt. Andere wiederum etablieren die Strukturfrage in den mehrjährigen Prozess zur Erstellung der Pastoralvereinbarung und entscheiden sich bewusst für eine Struktur, die dem, wie man vor Ort zukünftig Kirche sein möchte, am besten Rechnung trägt.

Rein rechtlich bereiten die Kirchenvorstände ein Votum über eine favorisierte Rechtsgestalt vor und bitten den Erzbischof, diesem Rechtsmodell zuzustimmen und die Pfarrei zu errichten. Es ist dabei durchaus sinnvoll, möglichst viele und vor allem die Pfarrgemeinderäte in die Entwicklung des Votums einzubeziehen.

Redaktion

Müssen alle gemeindlichen Gremien zustimmen und entscheidet die einfache Mehrheit?

Tobias Heinrich

Rein rechtlich sind die Kirchenvorstände für das besagte Votum an Erzbischof Becker zuständig.

Unser Erzbischof nimmt dabei die Beschlüsse der Kirchenvorstände sehr ernst. Problematisch wird es, wenn keine einstimmige Mehrheit vorliegt. In diesem Fall ist es wichtig und notwendig, dass Vertreterinnen und Vertreter aus dem Generalvikariat und die Akteurinnen und Akteure vor Ort über die Gründe ins Gespräch kommen. Schlussendlich entscheidet der Erzbischof von Fall zu Fall und ist aufgefordert, eine bestmögliche Lösung zu treffen.

Redaktion

Stimmt es, dass für manche Städte auch durch das Generalvikariat bzw. den Erzbischof schon festgelegt wurde, was das Ziel des Prozesses ist, beispielsweise eine Gesamtpfarrei?

Tobias Heinrich

Es ist richtig, dass der Erzbischof aufgrund äußerer Rahmenbedingungen für wenige pastorale Räume die Struktur als Gesamtpfarrei festgelegt hat. Generell muss man bedenken, dass die Umschreibung der pastoralen Räume nicht vom Himmel gefallen ist, sondern das Ergebnis eines breit angelegten und intensiven Konsultationsprozesses im Jahr 2009 war. Diese strukturellen Umschreibungen bieten die Rahmenbedingungen für die pastoralen und spirituellen Entwicklungen im Erzbistum. Ohne pastorale Inhalte wären diese Strukturen meiner Einschätzung nach allerdings nur Geäst.

Redaktion

Wie oft stoßen Sie auf Widerstände bei diesen Prozessen? Und wie entstehen diese?

Tobias Heinrich

Grundsätzlich haben wir in den letzten Jahren überwiegend positive Erfahrungen mit solchen Prozessen gemacht. Widerstände sind an manchen Orten allerdings definitiv zu beobachten. Diese haben unterschiedliche Ursprünge und entstehen nicht aus einer bösen Absicht heraus. Sie sind eher Ausdruck für Wut, Unverständnis und Resignation, weil etwas Gewohntes, mit dem man aufgewachsen ist und worin man über Jahrzehnte Herzblut und Engagement investiert hat, in einen Veränderungsprozess gerät. Das ist menschlich sehr nachvollziehbar, da die persönliche Enttäuschung sehr hoch sein kann. Die Intensität der Widerstände ist allerdings unterschiedlich.

Redaktion

Wie gehen Sie mit den Widerstände und Protesten um?

Tobias Heinrich

Ich persönlich bin ein großer Fan von Fakten und Faktenchecks. Es kommt nämlich vor, dass wir auf Vorstellungen treffen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Daher ist es geboten, die Lage fein zu analysieren und zu schauen, was zutrifft, welche Befürchtungen entkräftet werden können und wie eine tragfähige Lösung aussehen kann.

Neben der argumentativen Ebene spielt die emotionale natürlich eine entscheidende Rolle. Starke Widerstände und Proteste entschärft man in den wenigsten Fällen mit einer argumentativen Auseinandersetzung. Ich halte es für unerlässlich, die Widerstände nicht einfach vom Tisch zu fegen, sondern genau zuzuhören, was überhaupt die Hintergründe sind. Und so erlebe ich die Verantwortungsträger im Bistum und meine Kolleginnen und Kollegen auch. Es scheut sich niemand, raus zu fahren und in einen vernünftigen Dialog vor Ort zu treten. Des Weiteren werden die Pastoralteams, Gremien und Gläubigen auch nicht alleine gelassen, sondern durch erfahrene Beraterinnen und Berater unterstützt. Ich kann daher kein Agieren der Bistumsverantwortlichen mit der Brechstange erkennen.

Man muss aber auch ganz nüchtern und realistisch sagen, dass Entscheidungen in Konfliktsituationen nicht immer für alle Personen zufriedenstellend sein können. Aber dafür sind die Ansichten auch oftmals zu unterschiedlich.

Redaktion

Der pastorale Raum, sei es als Pastoralverbund oder sei es als Gesamtpfarrei, was bedeutet dieser denn konkret für die Seelsorge?

Tobias Heinrich

Sie stellen eine für mich sehr zentrale, wenn nicht sogar die zentrale Frage. Wir haben jetzt viel über Strukturen geredet. Strukturen sind wichtig und notwendig, aber sie müssen meiner Meinung nach den pastoralen Inhalten dienen und nicht umgekehrt. Wenn ich ein Haus baue, es innen aber nicht wohnlich mit Möbeln, Bildern usw. einrichte, läuft ja etwas falsch.

Ich habe schon angedeutet, dass der pastorale Raum nicht als Pfarrei nur in XXL verstanden werden darf. Das Zukunftsbild spricht vom pastoralen Raum als „Lebens- und Glaubensraum für alle Menschen, die in ihm leben und glauben.“ Meine persönliche Meinung ist, dass die Seelsorgerinnen und Seelsorger genau eruieren sollten, welche Bedürfnisse, Lebens- und Glaubensthemen die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort in ihrem konkreten Umfeld haben, auf die Seelsorge reagieren kann. Und damit meine ich nicht nur den inner circle, sondern alle Personen, die im Sozialraum leben. Dabei finde ich es wichtig, persönliche Fähigkeiten gezielt einzusetzen, Schwerpunkte zu setzen, Experimente zu wagen und dabei die Grundaufträge, wofür Kirche da ist, zu gestalten, damit Glaube erfahrbar und nahbar bleibt. Auch Kooperationen, u.a. mit nichtkirchlichen Akteuren, zu bestimmten Themen, z.B. zur Bekämpfung von Einsamkeit, sehe ich als seelsorglichen Dienst an.

Redaktion

Ist dafür nicht auch Spezialisierung und Schwerpunktsetzung notwendig?

Tobias Heinrich

Die „klassische Vollversorgung“ einer Pfarrei übertragen auf die Größe eines pastoralen Raumes halte ich für auf Dauer nicht leistbar und widerspricht auch dem Sinn der Bildung eines pastoralen Raumes. Auch wenn es schwer fällt, halte ich es für erforderlich, sich als hauptamtliche, hauptberufliche, ehrenamtliche Person in der Seelsorge zu fragen: „Was lasse ich sein oder fahre ich herunter? Wo investiere ich meine Energie? Was darf ich auf keinen Fall vernachlässigen?“

Um nicht realitätsfern zu werden: Es ist klar, dass das Interesse an Kirche und Glaube von Ort zu Ort unterschiedlich ist und es genug Menschen gibt, denen Kirche und Glaube vollkommen gleichgültig sind. Auch das gilt es zu akzeptieren. Aber das Werben für unsere Botschaft ist unabdingbar!

Wie man sich pastoral in einem großen Raum aufstellen möchte, passt für mich gut in den mehrjährigen Prozess zur Erstellung der Pastoralvereinbarung. Das ist nochmal ein anderes großes Thema, aber ich deute es an dieser Stelle gerne einmal an.

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