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9
Oktober
2019
9.Oktober.2019

„Die Digitalisierungsstrategie muss aus dem Evangelium heraus wirken“

Themenserie: “Kirche & Digitalisierung”

Interview mit Frank Siemen, Leiter der Zentralabteilung IT und Datensicherheit

Redaktion

Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde. Aber was genau kann man darunter verstehen?

Frank Siemen

Rein begrifflich haben wir in der Vergangenheit etwas Analoges gehabt und festgestellt, analog ließ sich nicht gut arbeiten, vor allem für Maschinen wurde es schwierig. Dann hat man versucht Arbeitsprozesse zu digitalisieren. Von der Definition her beschreibt Digitalisierung heute den umfassenden Transformationsprozess in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, der durch die Entwicklung bei den elektronischen Systemen und den damit verbundenen Verfahren der Datenverarbeitung angestoßen wird.

Redaktion

Wie weit geht die Digitalisierung?

Frank Siemen

Mittlerweile sind wir so weit, dass man nicht mehr merkt, dass man digital ist. Die Digitalisierung hat unser Leben so weit durchdrungen, dass man das nicht mehr abgrenzen kann. Im Kino weiß ich doch gar nicht mehr, welche Landschaft echt ist oder vom Computer erstellt wurde. Ein anderes Beispiel ist der Turing-Test, der sich schon 1950 mit der Frage beschäftigte, wie man herausbekommen kann, ab wann eine Maschine im Sinne einer künstlichen Intelligenz sich nicht mehr von einem Menschen unterscheidet lässt. Das zeigt schon gut auf, wie weit das gehen kann.

Redaktion

Und was bedeutet das dann konkret für die katholische Kirche?

Frank Siemen

Für mich ist das wichtigste Thema die Erreichbarkeit. Wo sind die Menschen, wo finde ich sie? Da bin ich sehr schnell bei digitalen Welten. Es gibt aber mehrere Facetten, wenn ich Kirche zum Beispiel als Organisationsform mit Geschäftsprozessen wahrnehme, dann bin ich bei Optimierungsprozessen. Um uns wieder mehr Zeit zu verschaffen, können manche Prozesse komplett elektronisch durchgeführt werden. Da soll uns die Digitalisierung helfen. Andersrum wirft das auch viele Fragen auf, was das mit uns als Organisation und mit den Menschen macht.

Redaktion

Wie weit ist denn die Digitalisierung in der Kirche bisher vorangekommen?

Frank Siemen

Die ist eigentlich noch ziemlich am Anfang. Unsere Digitalisierung ist aber auch bunt, weil wir gar nicht alles kennen, was läuft. In manchen Bereichen sind wir dann überrascht, wie weit die Dinge schon sind.

IT-Chef Frank Siemen im Gespräch mit Mitarbeiter Daniel Schallör im Serverraum.
IT-Chef Frank Siemen im Gespräch mit Mitarbeiter Daniel Schallör im Serverraum.

Frank Siemen ist Leiter der Zentralabteilung IT und Datensicherheit im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn. Die Zentralabteilung ist verantwortlich für bistumsweite IT-Lösungen und Betreiber zentraler Anwendungen sowohl für Kirchengemeinden, Gemeindeverbände, Kitas als auch für Einrichtungen des Erzbistums, wie beispielsweise Bildungshäuser.

Redaktion

Welche Reaktionen erfahren Sie, wenn es um das Thema Digitalisierung geht?

Frank Siemen

Menschen aus der freien Wirtschaft, die in unser System als Ehrenamtliche oder Hauptberufliche kommen, haben sehr schnell Vorschläge und kennen Dinge, die man besser machen könnte. Im pastoralen Umfeld gibt es verständliche Bedenken, wenn es auf einmal um Bet-, Beicht- oder Segensroboter geht. Und wenn wir an alte Menschen denken, da merkt man, wie weit Menschen abgehängt werden. So ein Smart-TV kann einen an den Rand der Verzweiflung bringen. Aber auch die digitale Verfügbarkeit sorgt für Fragezeichen. Ist man als pastoraler Mitarbeiter auf einmal 24 Stunden an sieben Tagen erreichbar? Das muss man sehr ernst nehmen.

Redaktion

Wie spielt denn da der Datenschutz rein?

Frank Siemen

In der persönlichen Wahrnehmung ist der Datenschutz oft ein verhindernder Faktor. Aber das wollten wir eigentlich, weil wir Erfahrungen mit Skandalen mit Google und Co. gemacht haben. Hinter Daten steckt Macht, den Missbrauch wollten wir alle eindämmen. Als Verbraucher dürfte ich eigentlich kein Bestreben haben, das aufweichen zu lassen. Aber wir müssen natürlich ausloten, welche Daten wir brauchen, um zu wissen, wann uns Menschen brauchen.

Redaktion

Wenn es uns um das Weiterleben des Glaubens geht, wo sind die Chancen der Digitalisierung?

Frank Siemen

Die Kirche erlebt im Moment einen schmerzhaften Prozess. Immer weniger Menschen wollen sich binden lassen. Die Gemeinschaft wird immer dünner, mit dem Auto oder Fahrrad ist meine Reichweite in der territorialen Struktur gering. Digital habe ich quasi eine unendliche Reichweite. Dann kann ich ganz neu Netzwerke und Erreichbarkeiten aufbauen sowie Schwellen abbauen und einen leichteren und persönlichen Zugang zu Kirche schaffen. Das macht mir Mut und Hoffnung in der Arbeit. Zudem haben wir auch Menschen, die sich in einer Kirche oder in einem Pfarrheim nicht wohlfühlen, – das hört sich vielleicht ein bisschen gruselig an –, aber wir könnten auch über eine virtuelle Kirche nachdenken. Da muss man durchdenken und überlegen, was Perspektiven sind.

Redaktion

Im Erzbistum Paderborn wird nun eine Digitalisierungsstrategie entwickelt. Was genau soll damit erreicht werden?

Frank Siemen

Da sind wir noch am Anfang, da müssen wir erstmal klären und erklären, was wollen wir erreichen. Aus meiner Sicht gibt es zwei große Themen: auf Seiten der Organisation sprechen wir über eine effiziente IT-Strategie, bei den Mitarbeitern über digitale Kompetenzen. Die Digitalisierungsstrategie muss aber aus dem Evangelium heraus wirken, sie muss also ermöglichen zu evangelisieren, Jünger zu sein.

Redaktion

Wer ist für das Projekt verantwortlich?

Frank Siemen

Dazu gibt es ein Projekt in der Zentralabteilung Entwicklung, Msgr. Dr. Michael Bredeck und ich sind die Auftraggeber. Wir stehen aber am Anfang und überlegen, welche Schritte machen wir und wer muss beteiligt werden. Da spielt aber auch eine Rolle, welche Körperschaften und Rechtsträger das betrifft.

Redaktion

Die Kommunikation ist auch ein Teil der Digitalisierung? Welche Chancen stecken für Kirchengemeinden in neuen Kommunikationstechnologien?

Frank Siemen

Ein gutes technisches Ziel wäre es, viele Menschen in einem System zusammen zu führen. Da könnte ich dann alle Bedingungen erfüllen, die auch der Datenschutz mitbringt, um in eine sichere und verlässliche Kommunikation zu treten. Ich muss es doch schaffen, mit meinen Mitgliedern, den Gläubigen direkt in Kontakt zu treten. Es ist ein wichtiges Ziel, auf die Menschen zuzugehen.

Redaktion

Welche Herausforderungen kommen auf die ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeitenden zu?

Frank Siemen

Ich muss mir natürlich Gedanken machen, wenn wir Systeme bereitstellen, dass es eine ganz bunte Mischung an Nutzern gibt, die unterschiedliche Kenntnisse und Fähigkeiten haben. Aber das sind alles Übungsfelder, also viel Neuland, wo wir ran müssen. Vielleicht ergeben sich neue Felder von Ehrenamt oder Möglichkeiten als Glaubenszeugen sichtbar zu werden.

Redaktion

Ist der Prozess Digitalisierung eigentlich irgendwann zu Ende? Ist irgendwann alles digitalisiert?

Frank Siemen

Das ist eine spannende Frage, die Antwort ist natürlich ‚nein‘, das wird ein iterativer Prozess sein. Die Frage ist eher, wie schnell mache ich welche Bewegungen mit. Manche Themen sind schon wieder rückläufig, denken wir an manche soziale Netzwerke, wo ich meine Kinder gar nicht mehr finde. Das hat auch viel mit der Gesellschaft zu tun. Aber es wird ein dauerhafter Prozess sein. Uns sollte es nur zu denken geben, dass manche KI-Systeme, also künstliche Intelligenz, interessante Effekte haben. Bildhaft gesprochen: Die Herausforderung wird sein, wie weit ich mit meinen Freunden Alexa und Siri umgehe, was ich denen erzähle und wie ich dazu stehe.

Redaktion

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dirk Lankowski.

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